23 % Rendite mit ETFs – doch für diese Anlegerin könnte das zum Problem werden

23 % Rendite mit ETFs – doch für diese Anlegerin könnte das zum Problem werden
Claudia hat große Pläne

Claudia ist 62 Jahre alt, hat erst vor gut einem Jahr mit dem Investieren begonnen und bereits ein beachtliches ETF-Portfolio aufgebaut. Rund 11.000 Euro Gewinn stehen inzwischen zu Buche. Doch die Anlegerin verfolgt ein Ziel, das ihre erfolgreiche Anlagestrategie plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lässt: In fünf Jahren möchte sie eine Immobilie kaufen. Im extraETF Portfolio Review zeigt sich, warum eine gute Rendite allein noch keine gute Anlagestrategie ausmacht.

Es ist nie zu spät, mit dem Investieren anzufangen. Das zeigt die Geschichte von Claudia. Die 62-Jährige ist Privatier, verfügt nach eigenen Angaben über ein monatliches Einkommen von rund 10.000 Euro und hat im September 2025 begonnen, ihr Geld in ETFs anzulegen.

Ihr Ziel ist klar: In etwa fünf Jahren möchte sie eine Immobilie kaufen. Bis dahin soll ihr Vermögen möglichst gewinnbringend arbeiten. Tages- oder Festgeld mit vergleichsweise niedrigen Zinsen erscheint ihr dafür wenig attraktiv. Stattdessen setzt sie auf die langfristigen Renditechancen des Aktienmarktes. Und bislang scheint die Rechnung aufzugehen. Rund 55.000 Euro hat Claudia investiert. Zum Zeitpunkt unseres Portfolio Reviews liegt sie mit etwa 11.000 Euro im Plus. Die ausgewiesene Performance beträgt rund 23 Prozent. Ein beeindruckendes Ergebnis für eine Anlegerin, die erst seit vergleichsweise kurzer Zeit an der Börse aktiv ist. Doch genau hier beginnt die eigentliche Geschichte. Denn was passiert, wenn ausgerechnet kurz vor dem geplanten Immobilienkauf die Aktienmärkte einbrechen?

Sieben Investments und eine ungewöhnliche Gewichtung

Ein Blick in Claudias Depot zeigt zunächst eine durchaus durchdachte Anlagestrategie. Ihr Portfolio besteht aus sechs ETFs und einem Gold-ETC. Der Schwerpunkt liegt auf globalen Aktien, ergänzt durch regionale Investments und Rohstoffe. Besonders auffällig ist ihre Gewichtung der Schwellenländer. Mit knapp 22 Prozent bildet ein Emerging-Markets-Value-ETF die größte Einzelposition. Anders als viele Anleger, die vor allem auf einen MSCI World oder FTSE All-World setzen, gewichtet Claudia damit günstig bewertete Unternehmen aus Schwellenländern besonders stark.

Hinzu kommen ein Europa-ETF sowie mehrere globale Aktien-ETFs. Darunter befinden sich ein MSCI ACWI IMI, ein MSCI ACWI und ein MSCI World. Während der MSCI ACWI bereits Industrie- und Schwellenländer abdeckt, berücksichtigt die IMI-Variante zusätzlich kleinere Unternehmen, sogenannte Small Caps.

Tipp

In unserem DeepDive zu Welt-ETFs zeigen wir dir, mit welchen ETFs du wirklich die ganze Welt abdeckst.

DeepDive

Außerdem hat Claudia einen Kupferminen-ETF und einen Gold-ETC im Depot. Diese beiden Positionen machen zusammen nur einen kleineren Teil ihres Vermögens aus. Ausgerechnet Gold hat sie nach eigener Aussage zum Höchstkurs gekauft. Zum Zeitpunkt der Analyse liegt die Position rund 15 Prozent im Minus.

Die entscheidende Frage lautet allerdings nicht, ob einzelne Investments im Plus oder Minus stehen. Viel wichtiger ist, wie die verschiedenen Bausteine zusammenwirken.

Gut diversifiziert – aber komplizierter als nötig

Bei der regionalen Verteilung unterscheidet sich Claudias Portfolio deutlich von einem klassischen Weltportfolio. Nordamerika macht lediglich rund 37 Prozent aus. Europa ist mit etwa 28 Prozent vertreten, Asien mit rund 27 Prozent. Damit hat Claudia die hohe Gewichtung der USA, die viele globale Aktienindizes prägt, erheblich reduziert. Das kann eine bewusste strategische Entscheidung sein. Schließlich möchten nicht alle Anleger, dass US-Unternehmen den größten Teil ihres Aktienvermögens ausmachen. Allerdings gibt es in Claudias Depot einige Überschneidungen. Wer gleichzeitig einen MSCI World, einen MSCI ACWI und einen MSCI ACWI IMI hält, investiert teilweise mehrfach in dieselben Unternehmen.

Mehr ETFs bedeuten deshalb nicht automatisch mehr Diversifikation

Eine einfachere Lösung wäre beispielsweise, einen breit gestreuten Welt-ETF als Basis zu verwenden und diesen gezielt um Europa oder Schwellenländer zu ergänzen. Damit ließe sich eine ähnliche regionale Gewichtung mit weniger Produkten erreichen.

Claudia muss deshalb nicht sofort ihre bestehenden ETFs verkaufen. Gerade bei Positionen mit aufgelaufenen Gewinnen sollten mögliche steuerliche Folgen berücksichtigt werden. Bei künftigen Investitionen könnte sie ihre Strategie aber deutlich vereinfachen.

Der eigentliche Fehler könnte ganz woanders liegen

Bis hierhin fällt die Bewertung ihres Portfolios überwiegend positiv aus. Die Aktienanlagen sind international breit gestreut, die einzelnen Positionen sind nachvollziehbar und die bisherige Entwicklung kann sich sehen lassen. Doch eine entscheidende Information verändert die Bewertung: Claudia möchte das investierte Geld bereits in fünf Jahren für den Kauf einer Immobilie verwenden. Und genau hier entsteht ein Zielkonflikt.

Aktien-ETFs eignen sich grundsätzlich gut für den langfristigen Vermögensaufbau. Über viele Jahre können Anleger zwischenzeitliche Kursverluste häufig aussitzen. Wer sein Geld allerdings zu einem bestimmten Zeitpunkt benötigt, hat diesen Luxus möglicherweise nicht.

Ein Beispiel verdeutlicht das Risiko: Angenommen, Claudia verfügt kurz vor ihrem geplanten Immobilienkauf über 100.000 Euro im Aktienportfolio. Dann kommt es zu einem Börsencrash und die Märkte verlieren 40 Prozent. Plötzlich wären aus ihren 100.000 Euro nur noch 60.000 Euro geworden.

Solange sie nicht verkauft, handelt es sich zunächst um einen Buchverlust. Für ihren Immobilienkauf könnte das dennoch erhebliche Konsequenzen haben. Möglicherweise müsste sie den Kauf verschieben, eine höhere Finanzierung aufnehmen oder ihre Immobilienpläne ganz überdenken. Das Problem ist also nicht unbedingt die Auswahl ihrer ETFs, sondern die möglicherweise fehlende Abstimmung zwischen Anlagestrategie und Anlagehorizont.

So kannst du dein Portfolio auf deine finanziellen Ziele ausrichten

Claudias Geschichte zeigt ein Problem, das viele Anleger betrifft. Häufig wird viel Zeit in die Auswahl einzelner ETFs investiert. Dabei gerät eine wesentlich wichtigere Frage in den Hintergrund: Wann brauche ich mein Geld eigentlich wieder? Wer langfristig für die Altersvorsorge investiert und noch 20 oder 30 Jahre Zeit hat, kann zwischenzeitliche Schwankungen anders bewerten als jemand, der in wenigen Jahren eine Immobilie finanzieren möchte. Entscheidend ist deshalb, das eigene Vermögen nach Anlagezielen zu strukturieren.

Geld, das kurzfristig oder zu einem festen Termin benötigt wird, sollte grundsätzlich risikoärmer angelegt werden. Dafür kommen beispielsweise Tagesgeld, Festgeld oder geeignete kurzlaufende Anleihen infrage. Kapital, das langfristig nicht benötigt wird, kann dagegen stärker in Aktien investiert bleiben.

Bei Claudia kommt ein weiterer Faktor hinzu: Ihre finanzielle Situation scheint komfortabel zu sein. Mit ihrem hohen Einkommen könnte sie möglicherweise auch einen späteren Immobilienkauf verkraften. Ob sie zusätzlich über größere liquide Rücklagen verfügt, wissen wir allerdings nicht. Genau deshalb lässt sich ihre Strategie nicht pauschal als falsch bezeichnen.

Sollte der Immobilienkauf in fünf Jahren jedoch ein festes Ziel sein und das ETF-Portfolio einen wesentlichen Teil des benötigten Eigenkapitals darstellen, wäre eine defensivere Vermögensaufteilung aus unserer Sicht sinnvoll.

Tipp

Um später auch gut aufgestellt zu sein, solltest du dich dich jetzt über das Altersvorsorgedepot informieren.

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Fazit: Gute Rendite ist nicht alles

Claudia hat in kurzer Zeit vieles richtig gemacht. Sie hat begonnen, ihr Vermögen systematisch aufzubauen, investiert international und hat bereits eine erfreuliche Rendite erzielt. Ihr Portfolio könnte zwar etwas einfacher aufgebaut sein, gravierende Probleme bei der Diversifikation sind jedoch nicht zu erkennen. Die wichtigste Erkenntnis aus ihrem Portfolio Review liegt deshalb an anderer Stelle:  Eine Anlagestrategie ist nur dann wirklich gut, wenn sie auch zum persönlichen Anlageziel passt.

Wer in fünf Jahren eine Immobilie kaufen möchte, sollte sich nicht allein von den bisherigen Renditen begeistern lassen. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, wie viel zwischenzeitlichen Verlust man sich leisten kann, ohne das eigene Ziel zu gefährden. Claudias Depot ist dafür ein anschauliches Beispiel.

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