
Aktien vor dem nächsten Schub? Diese 10 Börsen-Thesen sollten Anleger kennen
Gewinne, KI und eine robuste Konjunktur treiben die Börsen. Doch es gibt Risiken. Diese zehn Thesen zeigen, worauf Anleger jetzt achten sollten.
Die Aktienmärkte zeigen sich trotz zahlreicher Belastungsfaktoren erstaunlich widerstandsfähig. Vielmehr noch: Die Börsen haben jüngst ein Allzeithoch erreicht. Und das zu Recht: Unternehmensgewinne wachsen, die Weltwirtschaft hält sich robust und der Investitionsboom rund um Künstliche Intelligenz (KI) sorgt weiter für Fantasie. Gleichzeitig könnten steigende Anleiherenditen, höhere Energiepreise und geopolitische Konflikte die gute Stimmung schnell auf die Probe stellen.
Wie geht es an den internationalen Börsen weiter?
Stefan Schüder, CFA, Senior Specialist Economics bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apo Bank), hat die wichtigsten Einflussfaktoren in zehn Thesen zusammengefasst. Wir haben die Thesen des Fachmanns aufgegriffen und für dich eingeordnet. Denn sie liefern einige interessante Hinweise darauf, welche Faktoren in deinem Portfolio jetzt besonders wichtig werden könnten.
1. Die Unternehmensgewinne sprechen weiter für Aktien
Einer der wichtigsten Gründe für die Stärke der Aktienmärkte liegt in den Unternehmen selbst. Die Berichtssaison fällt robust aus und das Gewinnwachstum liefert weiterhin eine fundamentale Basis für steigende Kurse.
Das ist entscheidend. Denn dauerhaft steigende Aktienkurse lassen sich wesentlich besser rechtfertigen, wenn auch die Gewinne mitziehen. Solange Unternehmen ihre Ergebnisse steigern und die Erwartungen des Marktes erfüllen können, bleibt eine wichtige Stütze der Rally intakt.
2. Der KI-Boom geht in die nächste Runde
Künstliche Intelligenz bleibt einer der mächtigsten Investitionstrends an den Börsen. Milliarden fließen in Halbleiter, Rechenzentren, Cloud-Infrastruktur, Software und neue KI-Anwendungen.
Nach Einschätzung Schüders ist dieser Investitionszyklus weiterhin intakt. Das ist nicht nur für die großen Technologiekonzerne relevant. Die enormen Investitionen wirken über Lieferketten, Infrastruktur und Produktivitätssteigerungen zunehmend auf weitere Teile der Wirtschaft.
Für dich als Börsianer bedeutet das: KI bleibt vorerst ein wichtiger Treiber von Wachstum und Unternehmensgewinnen.
3. Kein Ende des KI-Booms in Sicht
Mit den Kursen sind auch die Erwartungen massiv gestiegen. Entsprechend häufiger wird die Frage gestellt, ob Anleger beim Thema KI inzwischen zu optimistisch geworden sind.
Schüder sieht bislang jedoch keine ausreichenden fundamentalen Argumente dafür, dass der Trend vor seinem Ende steht. Das heißt allerdings nicht, dass jede KI-Aktie automatisch ein gutes Investment ist.
Je höher die Erwartungen und Bewertungen steigen, desto wichtiger wird die Unterscheidung zwischen Unternehmen, die tatsächlich steigende Gewinne erzielen, und solchen, deren Kurse vor allem von Zukunftshoffnungen getragen werden.
| Tipp: Es ist kaum möglich, die langfristig herausragenden KI-Aktien zu identifizieren, zudem sind einzelne Titel gerade in diesem Segment schwankungsanfällig. Zu den KI-ETFs. |
4. Die Weltwirtschaft liefert Rückenwind
Auch die Konjunktur spricht derzeit nicht gegen Aktien. Die globale Wirtschaft präsentiert sich vergleichsweise robust und schafft damit ein konstruktives Umfeld für Risikoanlagen.
Das Zusammenspiel ist für Anleger wichtig: Eine stabile Wirtschaft unterstützt Umsätze und Gewinne der Unternehmen. Gleichzeitig reduziert sie das Risiko einer abrupten Rezession, die an den Aktienmärkten normalerweise deutliche Spuren hinterlassen würde.
5. Höhere Energiepreise bedeuten nicht automatisch höhere Zinsen
Ein Unsicherheitsfaktor sind die Energiepreise. Steigende Öl- und Gaspreise können die Inflation wieder nach oben treiben – und damit theoretisch auch die Notenbanken unter Druck setzen.
Die Apo Bank erwartet allerdings keine ausgeprägten Zweitrundeneffekte über eine Lohn-Preis-Spirale. Damit besteht aus ihrer Sicht auch kein unmittelbarer Anlass für die US-Notenbank Fed, wegen höherer Energiepreise die Zinsen wieder anzuheben.
Für Aktien wäre das eine wichtige Nachricht. Denn deutlich steigende Leitzinsen könnten sowohl die Konjunktur als auch die Bewertungen an den Börsen belasten.
6. Steigende Anleiherenditen bleiben ein Risiko
Während die Aufmerksamkeit vieler Anleger auf Aktienkursen und Unternehmensgewinnen liegt, lohnt sich weiterhin der Blick auf den Anleihemarkt.
Steigende Renditen verteuern die Finanzierung für Unternehmen. Gleichzeitig werden festverzinsliche Anlagen im Vergleich zu Aktien attraktiver. Besonders hoch bewertete Wachstumsunternehmen reagieren deshalb häufig empfindlich auf einen kräftigen Renditeanstieg.
Hinzu kommt: Höhere Finanzierungskosten können auch die Kreditmärkte belasten. Die Entwicklung der Anleiherenditen bleibt damit einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Börsen.
7. Die guten Nachrichten überwiegen bislang
Höhere Energiepreise sind für Unternehmen zunächst einmal eine Belastung. Sie erhöhen Kosten und können gleichzeitig die Kaufkraft der Verbraucher reduzieren.
Bislang werden diese negativen Effekte nach Einschätzung der Apo Bank jedoch durch die positiven Gewinn- und Konjunkturaussichten kompensiert. Das erklärt einen Teil der bemerkenswerten Widerstandsfähigkeit der Aktienmärkte.
Entscheidend ist allerdings, dass dieses Gleichgewicht erhalten bleibt. Ein stärkerer Energieschock könnte die Rechnung verändern.
8. Die Rally wird breiter – das ist ein wichtiges Signal
Besonders interessant ist eine Veränderung innerhalb des Aktienmarktes: Der Aufschwung wird zunehmend von mehr Unternehmen getragen.
In der ersten Phase des KI-Booms konzentrierten sich große Teile der Kursgewinne auf wenige Technologie-Schwergewichte. Nun können zunehmend auch Unternehmen außerhalb dieses engen Kreises vom KI-Investitionszyklus profitieren.
Eine breitere Marktbewegung ist grundsätzlich positiv. Sie reduziert die Abhängigkeit der Indizes von einigen wenigen Mega-Caps und eröffnet Anlegern zusätzliche Chancen außerhalb der bekannten Technologiegiganten.
Wie viel Tech steckt eigentlich in deinem Depot?
Genau hier lohnt sich der Blick auf das eigene Portfolio. Denn wer einen oder mehrere globale ETFs besitzt und zusätzlich Technologie-ETFs oder Einzelaktien hält, kann stärker von denselben großen Tech-Unternehmen abhängig sein, als es auf den ersten Blick erscheint – ein Effekt, der sich vor allem aus der hohen USA-Gewichtung im MSCI World ergibt.
Und Tech-Aktien können mitunter stark schwanken. So hat sich der südkoreanische Aktienmarkt, der von Halbleitertiteln dominiert wird, innerhalb von fünf Wochen in etwa halbiert und liegt dennoch im laufenden Jahr mit etwa 50 Prozent im Plus. Auch US-Technologie-Schwergewichte wiesen zum Teil Tagesschwankungen im zweistelligen Prozentbereich auf. „Die Märkte dürften noch etwas Zeit benötigen, um zu entscheiden, ob die Korrektur bei einigen Technologiewerten für eine ausreichende Bereinigung gesorgt hat“, sagt DWS-Chefanlagestratege Vincenzo Vedda
Hier helfen wir dir, Klumpenrisiken zu erkennen: Mit dem extraETF Portfolio Tracker lässt sich beispielsweise analysieren, wie hoch der Tech-Anteil im eigenen Portfolio ist, wie stark einzelne Technologiewerte gewichtet sind.
Das ist gerade im aktuellen Marktumfeld hilfreich: Du kannst überprüfen, ob dein Depot tatsächlich so breit diversifiziert ist, wie die Anzahl deiner ETFs und Aktien vermuten lässt – oder ob sich unter der Oberfläche größere Konzentrationen aufgebaut haben, etwa durch zusätzliche KI- und Technologie-ETFs.
9. Technologie bleibt trotzdem der Taktgeber
Die Börsenrally wird breiter, doch der Technologiesektor bleibt nach Einschätzung der Apo Bank der zentrale Treiber der globalen Aktienmarktentwicklung.
Das liegt einerseits am hohen Gewicht großer Technologieunternehmen in wichtigen Aktienindizes. Andererseits stehen diese Konzerne im Zentrum des KI-Investitionszyklus.
Für ETF-Anleger hat das einen wichtigen Nebeneffekt: Selbst ein vermeintlich breit gestreutes Weltportfolio kann eine erhebliche Abhängigkeit von den USA und großen Technologieunternehmen besitzen – wie stark, zeigt sich oft erst im direkten Vergleich, etwa zwischen dem FTSE Global All Cap und dem FTSE All-World.
10. Die größten Risiken bleiben eine Eskalation des Nahostkonflikts, steigende Energiepreise sowie eine Wiederbelebung von Handelskonflikten
Trotz des konstruktiven Gesamtbilds gibt es genügend Gründe, nicht sorglos zu werden. Die Apo Bank sieht vor allem drei große Risiken für die Aktienmärkte: eine Eskalation des Nahostkonflikts, weiter steigende Energiepreise und eine Wiederbelebung internationaler Handelskonflikte.
Problematisch wäre insbesondere eine Kombination dieser Faktoren. Ein geopolitischer Schock könnte die Energiepreise nach oben treiben, die Inflation verstärken und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum belasten. Neue Zölle könnten zusätzlich Lieferketten verteuern und die Gewinne international tätiger Unternehmen unter Druck setzen.
Was bedeutet das jetzt für Anleger?
Die zehn Thesen ergeben in Summe ein durchaus positives Bild: Unternehmensgewinne und Konjunktur stimmen, der KI-Investitionszyklus läuft weiter und die Aktienmarktrally gewinnt an Breite.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Anleger nun jeder Rally hinterherlaufen sollten. Gerade nach starken Kurssteigerungen lohnt es sich, die Struktur des eigenen Depots zu überprüfen.
Wie groß ist die Abhängigkeit von US-Aktien? Wie viel Technologie steckt tatsächlich im Portfolio? Sind Schwellenländer oder andere Regionen überhaupt nennenswert vertreten? Und entstehen durch mehrere ETFs möglicherweise Überschneidungen?
Fazit: Gute Aussichten – aber jetzt zählt der Blick ins eigene Depot
Die Voraussetzungen für Aktien bleiben grundsätzlich eher positiv. Robuste Gewinne, eine stabile Weltwirtschaft und der anhaltende KI-Boom sprechen dafür, dass die Börsen weiterhin Unterstützung erhalten.
Doch die nächste Phase könnte anders aussehen als die vergangene. Wenn die Rally tatsächlich breiter wird, könnten neben den großen Technologieunternehmen zunehmend andere Branchen und Regionen profitieren.
Für Anleger ist deshalb nicht nur entscheidend, ob sie investiert sind, sondern auch wie ihr Depot aufgestellt ist. Wer seine tatsächlichen Länder-, Regionen- und Technologieschwerpunkte kennt, kann besser beurteilen, ob das eigene Depot noch zur persönlichen Anlagestrategie passt – oder inzwischen stärker von einzelnen Markttreibern abhängt als gedacht. Auch wenn Welt-ETFs derzeit einen relativ hohen Anteil an US-Tech haben, bleiben sie die Basis des Portfolios.