15. August 2026
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Börsen auf Allzeithoch: Diese zwei Anlegerfehler können jetzt richtig teuer werden

Auf den perfekten Einstieg warten oder Geld in Cash parken? Warum beides langfristig Rendite kosten kann – und was Anleger stattdessen tun sollten.

Der Dax hat jüngst ein neues Allzeithoch erreicht – erfreulich für viele Anleger, aber auch verunsichernd: Jetzt Gewinne mitnehmen oder investiert bleiben? Hohe Bewertungen, geopolitische Risiken und die KI-Euphorie verstärken die Sorge vor einer Korrektur. Entsprechend verlockend erscheint es, auf einen günstigeren Einstieg zu warten oder mehr Vermögen in Cash zu halten.

Genau dieses Zögern kann teuer werden. Nach Einschätzung von John Bilton, Leiter der strategischen Forschung, Multi-Asset-Lösungen, bei J.P. Morgan Asset Management, zählen Market Timing und eine dauerhaft zu hohe Cashquote zu den größten Anlagefehlern – beide wirken vorsichtig, kosten aber langfristig erhebliche Rendite.

Fehler Nummer eins: Auf den perfekten Zeitpunkt warten

Die Idee klingt logisch: vor einer Korrektur verkaufen, günstig wieder einsteigen, den nächsten Aufschwung mitnehmen. In der Praxis müssen Anleger dafür gleich zweimal richtig liegen: „Market Timing bedeutet, dass man bei mindestens zwei Transaktionen den richtigen Zeitpunkt erwischen muss, um auf lange Sicht das gleiche Ergebnis wie ein durchschnittlicher Anleger zu erzielen“, sagt Bilton. Bei Buy-and-Hold reicht dagegen eine tragfähige Entscheidung – verbunden mit der Bereitschaft, Schwankungen auszuhalten.

Tipp: Wem Aktienschwankungen zu hoch sind, kann auf Anleihen-ETFs setzen. Im Text unten geht es um einen 60:40-Mix aus Aktien und Anleihen. Anleihen-ETFs einfach erklärt.

Wie schwer selbst nahezu perfektes Timing wiegt, zeigt eine Beispielrechnung von J.P. Morgan Asset Management: Ein Euro-Anleger, der in den vergangenen 25 Jahren bei jedem Bärenmarkt exakt richtig ausgestiegen und binnen eines Monats nach dem Tief wieder eingestiegen wäre, hätte 7,5 Prozent im Jahr erzielt – ein Buy-and-Hold-Anleger kam auf 5,6 Prozent. Mit realistischer Cash-Quote schmilzt der Vorsprung auf 0,4 Prozentpunkte pro Jahr; verpasst der „perfekte“ Anleger den Wiedereinstieg nur um drei Monate, liegt er sogar 0,6 Prozentpunkte hinter Buy-and-Hold. Selbst fast perfektes Timing lohnt sich also kaum – ein leicht verpasster Zeitpunkt kostet mehr, als das Timing je einbringen könnte.

Erschwerend kommt der sogenannte Clustering-Effekt hinzu: Die besten Börsentage folgen oft unmittelbar auf die schlechtesten. Nach Einschätzung Biltons könnten die seit der Finanzkrise kürzeren, heftigeren Korrekturen diesen Effekt noch verstärken. Wer nach einem Kursrutsch verkauft und auf ruhigere Zeiten wartet, läuft deshalb Gefahr, die ersten kräftigen Erholungstage zu verpassen – mit großem Einfluss auf die langfristige Wertentwicklung. Der Wiedereinstieg gelingt zudem selten exakt zum Tiefpunkt; oft ist ein wesentlicher Teil der Erholung dann schon gelaufen.

Selbst der schlechteste Einstieg kann sich auszahlen

Auch geopolitische Schocks verleiten viele dazu, den Markt verlassen zu wollen. Die J.P.-Morgan-Analyse zeigt jedoch: Das geopolitische Risiko liegt zwar über historischen Tiefständen, aber deutlich unter früheren Höhepunkten – und seine Auswirkungen auf diversifizierte Portfolios sind meist gering und kurzlebig.

Eine Auswertung untersuchte, was passiert wäre, hätten Anleger seit 1990 jeweils einen Monat vor einem der zwölf VIX-Höchststände in ein 60/40-Portfolio investiert – also kurz vor Marktstress. Ergebnis: Nach einem Jahr lag das Portfolio in 75 Prozent der Fälle vor Cash, im Schnitt um sieben Prozent. Nach drei Jahren lag es in allen Fällen vorn – im Mittel um 22 Prozent.

Wie stark sich Geduld über sehr lange Zeiträume auszahlt, zeigt ein weiteres Beispiel: 100 Euro, vor 25 Jahren in ein globales 60/40-Portfolio investiert, sind heute inflationsbereinigt rund 236 Euro wert. In bar gehalten, sind dieselben 100 Euro real nur noch etwa 89 Euro wert.

Die Zahlen zeigen: Ein ungünstiger Einstiegszeitpunkt muss nicht zu einem schlechten Ergebnis führen. Entscheidend ist meist weniger der perfekte Moment als lange genug investiert zu bleiben.

Einzelaktien verleiten eher zu emotionalen Entscheidungen

Bei Einzelaktien, Branchenfonds und Themen-ETFs kommt der Dispositionseffekt hinzu: Laut den in der Analyse zitierten Studien neigen bis zu 70 Prozent der Privatanleger dazu, Gewinner zu früh zu verkaufen und Verlierer zu lange zu halten. Einstandskurs, Hoffnung und Verlustangst bestimmen dann die Entscheidung statt einer klaren Strategie.

Verstärkt wird das durch die Gamification des Investierens über Trading-Apps und soziale Medien: Nutzer solcher Plattformen bleiben laut den angeführten Studien jährlich drei bis fünf Prozent hinter Anlegern zurück, die darauf verzichten.

Bei einem breit diversifizierten Welt-ETF spielt der Dispositionseffekt eine geringere Rolle, da Anleger nicht über einzelne Unternehmen oder enge Themen entscheiden – schwache Bestandteile verlieren automatisch an Gewicht, starke gewinnen. Geschützt vor emotionalen Fehlentscheidungen ist aber auch ein Welt-ETF nicht: Nach einem Markteinbruch droht der Komplettverkauf und damit das Verpassen der Erholung. Das Problem ist dann weniger das Festhalten an einer Verlustposition als der Versuch, den Gesamtmarkt zum richtigen Zeitpunkt zu verlassen und wieder einzusteigen.

Auch professionelle Investoren versuchen nicht zwangsläufig, jede Marktbewegung vorherzusagen: „Allokationsentscheidungen von professionellen Investoren beruhen weniger auf kurzfristigem Market Timing als auf der laufenden Bewertung relativer Risikoprämien“, sagt Bilton.

Fehler Nummer zwei: Zu viel Geld dauerhaft in Cash halten

Cash vermittelt Sicherheit: Guthaben auf Giro-, Spar- oder Tagesgeldkonten schwankt nicht täglich im Wert und steht jederzeit zur Verfügung – für den Notgroschen und kurzfristige Ausgaben unverzichtbar. Wer seine Reserve verzinst parken möchte, kann mit dem Tagesgeld-Vergleich aktuelle Angebote vergleichen.

Problematisch wird Cash, wenn ein großer Teil des langfristig investierbaren Vermögens dauerhaft unverzinst liegen bleibt. Gerade hierzulande halten sich solche Anlagen wacker: Laut Verband der Privaten Bausparkassen sparen deutsche Haushalte vor allem am Girokonto (38 Prozent), mit dem Sparbuch (32 Prozent) und über Tagesgeld (27 Prozent). „Dabei zeigen langjährige Analysen, dass aus Renditeperspektive eine Allokation von fünf bis zehn Prozent sinnvoll ist“, erklärt Bilton.

Wie groß die Opportunitätskosten sind, zeigt eine Berechnung von J.P. Morgan Asset Management: In den fünf Jahren seit Pandemiebeginn hätte eine Cashquote von 25 Prozent ein Portfolio 5,4 Prozent potenzieller Gewinne gekostet – inflationsbereinigt ein realer Verlust von 4,3 Prozent gegenüber einem vollständig investierten Portfolio. Bilton bringt es auf den Punkt: „Das Saatgut nicht auszusäen beziehungsweise überschüssige Barmittel nicht zu investieren ist keine aufgeschobene, sondern eine vermiedene Entscheidung.“

Abseits von Rendite: Cash ist nicht frei von Risiken

Bargeld reduziert kurzfristige Kursschwankungen, ist aber nicht risikolos: Inflation verringert seine Kaufkraft, fallende Zinsen belasten die künftigen Erträge von Tages- und Festgeld.

Welche Alternative infrage kommt, hängt vom Risiko ab: „Wer ein sinkendes Wachstum befürchtet, für den können Anleihen die bessere Wahl sein. Dieselbe Zinssenkung, die bei Bargeld ein Wiederanlagerisiko bedeutet, wirkt bei Anleihen als Renditetreiber. Wer wiederum die Inflation fürchtet, sollte die Rolle von Sachwerten oder Rohstoffen in diversifizierten Portfolios in Betracht ziehen“, erläutert Bilton.

Das ist kein Plädoyer, sämtliche Reserven zu investieren – ein ausreichender Notgroschen bleibt wichtig. Anleger sollten aber zwischen absehbar benötigter Liquidität und langfristigem Kapital unterscheiden, das nur aus Unsicherheit an der Seitenlinie steht. Wie hoch die individuell passende Cashquote ausfällt, hängt von Ausgaben, geplanten Anschaffungen, Einkommen und Sicherheitsbedürfnis ab – eine pauschale Quote dient nur als Orientierung.

Hohe Bewertungen kündigen keine Korrektur an

Hohe Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind kein verlässliches Ausstiegssignal. Sie belasten die langfristig erwartbaren Renditen, sagen aber wenig darüber aus, wann eine Korrektur beginnt: „Auch wenn hohe Bewertungskennzahlen die erwarteten Renditen belasten, liefern sie kein zuverlässiges Signal für den Zeitpunkt einer Marktkorrektur“, betont Bilton.

Nach Berechnungen von J.P. Morgan Asset Management übertraf ein globales 60/40-Portfolio Cash über ein Jahr in 79 Prozent der Fälle, über fünf Jahre in 97 Prozent der Fälle.

Auch in Krisenphasen ist das Bild differenzierter, als es scheint: Während der beiden verlorenen Jahrzehnte in Japan lag ein 60/40-Portfolio in rollierenden Drei-Jahres-Zeiträumen zeitweise in 46 Prozent der Fälle hinter Cash – der Weg war holprig. Über den gesamten 20-Jahres-Zeitraum erzielte es aber 75 Basispunkte mehr annualisierte Rendite als Cash. Ähnlich bei der Eurokrise: In den zehn Jahren danach blieb ein Euro-60/40-Portfolio in 17 Prozent der Drei-Jahres-Zeiträume hinter Cash zurück, übertraf es aber über den Gesamtzeitraum um mehr als 500 Basispunkte pro Jahr.

Biltons Fazit: „Natürlich ist es nicht überraschend, dass ein Vermögensverwalter für Investments plädiert. Aber die Analysen belegen tatsächlich eindrucksvoll, dass selbst eine konservative Allokation Barmittel während zahlreicher Zeithorizonte übertrifft und die beste Antwort auf Verluste historisch nicht das Abwarten, sondern die Diversifizierung war.“

Der bessere Ansatz: Strategie statt Bauchgefühl

Den nächsten Crash oder Tiefpunkt können Anleger nicht zuverlässig vorhersagen. Kontrollieren können sie dagegen Vermögensaufteilung, Kosten, Diversifikation und eigenes Verhalten.

Eine passende Strategie hilft, nicht bei jeder Schlagzeile zwischen Risiko und Cash zu wechseln: ein definierter Liquiditätspuffer, eine zur Risikotoleranz passende Aufteilung und regelmäßige Überprüfungen. Bei einem breit gestreuten Welt-ETF kann das simpel sein: Sparplan einrichten, Liquiditätsreserve festlegen, investiert bleiben. Wer mehrere Anlageklassen oder ETFs kombiniert, sollte zusätzlich prüfen, ob die Gewichtung noch zur ursprünglichen Strategie passt.

Verschieben Kursbewegungen die gewünschte Aufteilung deutlich, ist planmäßiges Rebalancing oft sinnvoller als ein kompletter Ausstieg: Übergewichtete Positionen werden reduziert, untergewichtete durch neue Einzahlungen aufgestockt – nach festem Regelwerk statt aktueller Börsenstimmung. Hier findest du die vollständige Analyse „Investieren und dranbleiben: So wächst Vermögen langfristig“.

So unterstützt dich der extraETF Portfolio Tracker

Ob zu viel Geld uninvestiert bleibt oder einzelne Positionen im Depot zu großes Gewicht haben, lässt sich ohne Gesamtüberblick nur schwer beurteilen. Der extraETF Portfolio Tracker führt ETFs, Aktien, Fonds und weitere Anlagen aus verschiedenen Depots an einem Ort zusammen – Vermögensaufteilung, Kennzahlen und Entwicklung gebündelt.

Die Portfolioanalyse schlüsselt Anlageklassen, Regionen, Länder und Branchen auf und macht so einseitige Gewichtungen, Überschneidungen und Klumpenrisiken sichtbar – gerade bei mehreren ETFs hilfreich, da unterschiedlich benannte Produkte teils dieselben Unternehmen enthalten können.

Performance- und Risikoauswertungen helfen, die langfristige Entwicklung einzuordnen statt auf einzelne schwache Tage zu überreagieren. Mit der Rebalancing-Funktion lässt sich prüfen, wie weit das Depot von der gewünschten Aufteilung abweicht; Ausschüttungsübersicht und Dividendenkalender erleichtern die Planung erwarteter Erträge. Transaktionen lassen sich manuell, per PDF- oder CSV-Import sowie über eine automatische Depotanbindung erfassen.

Der extraETF Portfolio Tracker nimmt keine Anlageentscheidung ab, schafft aber die Datengrundlage für planvolles Handeln, kontrollierte Diversifikation und weniger emotionale Schnellschüsse – genau die Disziplin, die hilft, beide teuren Fehler zu umgehen: dem perfekten Einstieg hinterherzulaufen und Kapital dauerhaft in Cash zu parken.