
Vergiss den MSCI World? Warum Finanztip jetzt einen anderen Welt-ETF empfiehlt
Finanztip rückt vom MSCI World ab und empfiehlt einen anderen Weltindex. Doch lohnt sich der Wechsel wirklich für Anleger?
Finanztip ließ Welt-ETF-Fans aufhorchen: Die hat Redaktion ihre langjährige ETF-Kernempfehlung geändert – der MSCI World ist aus der Mode. So empfiehlt Finanztip nicht mehr grundsätzlich ETFs auf den MSCI World, sondern auf den MSCI ACWI IMI. „ACWI“ steht anders als der MSCI World sowohl für Industrie- als auch für Schwellenländer. Die Endung „IMI“ steht für den gesamten investierbaren Markt – also mit Nebenwerten (Small Caps). Das heißt: mehr Breite, mehr Small-Cap-Abdeckung, mehr Markt. Klingt zunächst überzeugend. Gehen wir jetzt in die Tiefe.
Was Finanztip vorschlägt
Das „IMI“ steht für „Investable Market Index“: Der Index schließt neben Large und Mid Caps auch Small-Cap-Aktien ein und erfasst damit rund 99 Prozent der investierbaren Marktkapitalisierung in den jeweiligen Regionen. Die theoretische Grundlage ist solide – Small Caps haben historisch eine sogenannte Größenprämie gegenüber Large Caps gezeigt, und eine breitere Marktabdeckung ist per se kein schlechtes Ziel – ganz im Gegenteil.
So decken die Indizes den Weltaktienmarkt ab
| Index | Marktabdeckung |
|---|---|
| MSCI ACWI IMI | 99 % |
| FTSE All-World | 90 % |
| MSCI ACWI | 88 % |
| FTSE Developed | 80 % |
| MSCI World | 78 % |
| Quelle: extraETF.com | |
Wie verteilt sich mein Vermögen?
In der Tabelle siehst du bereits, inwieweit die einzelnen Indizes den weltweiten Aktienmarkt abdecken. Doch was heißt das konkret für dein Investment? Bleiben wir hierfür in der MSCI-Logik. Nehmen wir also an, du möchtest 10.000 Euro in einen Welt-ETF investieren.
Bei einem MSCI-World-ETF fließt dann das komplette Vermögen in Industrieländer-Unternehmen.
Beim MSCI ACWI ist das schon ein wenig anders: Hier würden etwa 8.820 Euro in Industrie- und 1.180 Euro in Schwellenländer investiert werden.
Mit der MSCI-ACWI-IMI-Variante wird es noch feiner. Die Aufteilung lautet dann: 7.860 in Industrie-, 1.050 Euro in Schwellenländer und die restlichen 1.090 Euro entfallen auf Nebenwerte.
Was bringen dir die Nebenwerte?
Allerdings: Der praktische Effekt im Portfolio ist überschaubar. Small Caps steuern nur einen geringen Teil zum Weltportfolio bei. Doch Auswertungen zeigen, dass Nebenwerte auf lange Sicht im Schnitt besser abschneiden als die großen Tanker. Der Vermögensverwalter und Buchautor Gerd Kommer hat sich dieses Phänomen einmal näher angesehen. So lag etwa die jährlich Überrendite von Nebenwerten, sprich die Size-Prämie, zwischen 1975 und 1990 bei 7,1 Prozent; zwischen 2001 und 2010 immerhin noch bei 6,4 Prozent.
Jetzt kommt das große ABER: So sehen wir etwa zwischen 1991 und 2000 eine jährliche Minderrendite von 3,1 Prozent. Und auch in den vergangenen zehn Jahren hättest du mit einem MSCI-World-ETF wesentlich mehr verdient als mit Nebenwerten. Die mögliche Mehrrendite von Small Caps ist also keinesfalls garantiert – höhere Schwankungen sind aber immer drin. Ein Diversifikationsfaktor stellt diese Aktiengruppe aber allemal dar.
Weniger US-Anteil
Einer der wichtigsten Aspekte, weshalb sich Anleger mit dem MSCI World immer unwohler fühlen, ist der hohe US-Anteil. Alleine 72 Prozent entfallen auf Titel aus den USA. Daran änderten auch die jüngsten Anpassungen nichts. „Treiber dieser Entwicklung sind vor allem die großen Technologie- und Plattformunternehmen, die in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich stark gewachsen sind und einen immer größeren Anteil an der gesamten Marktkapitalisierung auf sich vereinen“, sagt Sarah Schalück, Client Portfolio Managerin der Apo Bank. Dadurch habe sich zugleich der thematische Schwerpunkt des MSCI World verschoben. „Digitalisierung, Halbleiter, Cloud-Infrastruktur und insbesondere Künstliche Intelligenz bestimmen heute einen erheblichen Teil der Indexentwicklung“, so Schalück. Das mag für einen ETF, der den Namen „World“ trägt nicht ganz stimmig klingen. Mit der „IMI-Variante“ reduzierst du den Anteil auf 62 Prozent. Zu viel USA im Depot? So gehst du mit diesem Problem richtig um.
| Tipp: Prüfe deinen US-Anteil und nutze dazu den extraETF Portfolio Tracker. |
Wir zeigen dir später noch einen Welt-ETF, der nach der wahren Wirtschaftskraft gewichtet, dann fällt das US-Gewicht rapide und fällt hinter China zurück. Zuerst zeigen wir dir hier allerdings in der Kurzübersicht noch einen ETF auf den MSCI ACWI IMI:
Du willst nicht auf Schwellenländer setzen?
Politisches Risiko, Instabilität, es gibt nachvollziehbare Gründe, weshalb Privatanleger Schwellenländer scheuen. Seit April gibt es für ETF-Freunde eine sinnvolle Erweiterung zum Industrieländer-Index MSCI World. Der noch relativ junge Xtrackers MSCI World IMI UCITS ETF (WKN: DBX0YJ) setzt auf den MSCI World plus Nebenwerte: Premiere: So vereinfacht der neue ETF auf den MSCI World IMI deine Geldanlage.
Der Gegenkandidat: BIP-Gewichtung als Alternative
Wie bereits angekündigt, schauen wir uns jetzt eine weitere Herangehensweise an. Dieser ETF ist eine echte Bereicherung, da er ganz neue Wege geht. Er adressiert Anleger, die sich an den tatsächlichen wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse orientieren möchten.
Wer also die US-Lastigkeit klassischer Indizes reduzieren möchte, hat seit Kurzem eine andere Option: BIP-Gewichtung. Statt Länder nach Börsenwert zu gewichten, orientiert sich dieser Ansatz an der Wirtschaftsleistung – gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP oder Englisch: GDP). Das Ergebnis ist spektakulär: Der US-Anteil sinkt auf 17 Prozent, China ist mit 24 Prozent das Schwergewicht. Auch Indien gewinnt erheblich an Bedeutung. Wir haben uns das Konzept in einem Beitrag näher angesehen: Erster BIP-Welt-ETF: So deckst du die Weltwirtschaft wirklich ab.
Was verbindet „IMI“ und „BIP“?
Dahinter steckt der Anlegerwunsch nach mehr Vollständigkeit und weniger US-Konzentration. Doch während ETFs auf den MSCI ACWI IMI die Abdeckung innerhalb eines Landes verbreitert (mehr Unternehmensgrößen), verändert der BIP-Welt-ETF die Ländergewichte fundamental. Beide Ansätze sind konzeptionell nachvollziehbar – erhöhen aber auch den Aufwand.
Vergleich der großen Welt-Indizes
| Aktien (gerundet) | Industrieländer | Schwellenländer | Nebenwerte | |
|---|---|---|---|---|
| MSCI ACWI IMI | 8.000 | 23 | 24 | Vertreten |
| FTSE All-World | 4.200 | 25 | 24 | 0 |
| MSCI ACWI | 2.500 | 23 | 24 | 0 |
| FTSE Developed | 2.200 | 25 | 0 | 0 |
| MSCI World | 1.300 | 23 | 0 | 0 |
| Quelle: MSCI, FTSE Russell | ||||
Welt-ETFs werden immer günstiger
Ein Verkaufsargument für MSCI-World-ETF waren lange Zeit die günstigen Gebühren. Hier haben aber noch breitere Welt-ETFs längst aufgeschlossen. So geht es heute „ACWI-ETFs“ schon ab 0,12 Prozent Gesamtkostenquote (TER).
Ein ETF-Pardon zum ACWI wurde jüngst sogar deutlich günstiger: DWS hat die Pauschalgebühr des Xtrackers FTSE All-World UCITS ETF (Acc) (WKN: DBX0YG) zum 1. Juni von 0,12 auf 0,07 Prozent gesenkt – den bislang niedrigsten Wert für einen breit diversifizierten globalen Aktien-ETF. „Wir wollen Mehrwert für den langfristigen Vermögensaufbau schaffen. So soll unterm Strich mehr vom Renditepotential beim Anleger bleiben“, sagt Simon Klein, globaler Vertriebsleiter von DWS-Xtrackers. Oder wie wir festhalten: Ein Argument mehr dafür, dass eine einfache Ein-ETF-Lösung nicht nur bequemer, sondern auch kostenseitig konkurrenzfähig bleibt.
Was wirklich zählt: der Verhaltens-Faktor
Mach dich aber jetzt bitte nicht bei all den Möglichkeiten verrückt. Die Forschung ist eindeutig: Der größte Renditekiller für Privatanleger ist nicht die Wahl zwischen MSCI World und MSCI World IMI. Es ist das eigene Verhalten – zu früh verkaufen, zu spät einsteigen, zu oft umschichten. Eine Strategie, die man nicht vollständig durchdringt oder nicht konsequent durchhalten kann, ist die schlechteste Strategie – unabhängig davon, wie elegant sie auf dem Papier aussieht.
| Tipp: Nutze den Risikokapazitätsrechner, halte deiner Geldanlage dann die Treue und setze auf die Buy-and-Hold-Strategie. |
Die Finanztip-Empfehlung ist zwar etwas ausgeklügelter. Doch wer seinen bisherigen MSCI-World-ETF mit Gewinn verkauft, zahlt Abgeltungssteuer. Ein Punkt, den man klar herausstellen sollte.
Achtung Steuer
Wer einen bestehenden MSCI-World-ETF mit Gewinn verkauft, um in eine IMI-Strategie zu wechseln, löst Abgeltungssteuer aus (25 Prozent zzgl. Solidaritätszuschlag). In vielen Fällen überwiegt der steuerliche Nachteil den theoretischen Renditegewinn der neuen Strategie – zumindest auf Sicht der nächsten zehn bis 15 Jahre. Erfahre alles über ETFs & Steuern.
Unser Fazit zum MSCI World
Der MSCI World hat nicht ausgedient. Wer neu anfängt, findet mit einem FTSE All-World oder einem MSCI ACWI IMI hervorragende Ein-ETF-Lösungen – einfach, günstig, breit.
Wer bereits investiert ist: nicht überstürzt umschichten. Erst Steuereffekte durchrechnen, dann entscheiden. Konstanz schlägt Optimierung. Du kannst auch gezielt Schwellenländer- und Nebenwerte-ETFs in dein Depot aufnehmen. Zur Überwachung nutzt du dann den extraETF Portfolio Tracker.