17. März 2026
Verlorene Dekade vorbei: Warum Experten jetzt auf Schwellenländeraktien setzen

Verlorene Dekade vorbei: Warum Experten jetzt auf Schwellenländeraktien setzen

Schwellenländeraktien schlagen 2025 erstmals seit 2017 die USA. Sinkende Risiken, starke Gewinne: Beginnt jetzt die goldene Ära?

2025 schnitten Schwellenländeraktien (Emerging-Markets-Aktien) erstmals seit 2017 besser ab als US-amerikanische. „Die starke Performance 2025 könnte erst der Anfang sein: Wir sehen 2025 als erstes Jahr, in dem sich zwei zentrale strukturelle Faktoren zugunsten von Emerging-Markets-Aktien drehen – sinkende Risikoprämien und weniger Verwässerung beim Gewinn je Aktie“, sagt Jean-Louis Nakamura, Head of Conviction Equities, Vontobel Asset Management.

Allerdings gaben Schwellenländer, gerade im asiatisch-pazifischen Raum, im Zuge des Iran-Konflikts zuletzt deutlich nach, der Heizölpreis stieg dagegen stark. „Die jüngsten geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten haben nach einer starken Marktphase eine kurzfristige Risk-off-Phase ausgelöst. Historische Erfahrungen legen nahe, dass solche Schocks – sofern es nicht zu einer weiteren Eskalation kommt – in der Regel nachlassen und die Aktienperformance wieder von Fundamentaldaten bestimmt wird“, so Joshua Crabb, Leiter Asien-Pazifik-Aktien bei Robeco. Der jüngste Rücksetzer werde daher eher als gesunde Korrektur, denn als Veränderung der zugrunde liegenden Investmentthese betrachtet.

Schwellenländeraktien vor Superzyklus?

Schwellenländeraktien haben 2025 mit einem Plus von mehr als 30 Prozent in US-Dollar deutlich zugelegt und damit erstmals seit 2017 entwickelte Märkte sowie US-Aktien auf Jahressicht übertroffen. Jean-Louis Nakamura, Head of Conviction Equities bei Vontobel, interpretiert die Entwicklung als mögliches Signal für einen Zykluswechsel: weg von der langjährigen strukturellen Underperformance hin zu stabileren Rahmenbedingungen und besserer Aktionärsrendite. Ähnlich sieht das auch John Malloy, Co-Head des Emerging & Frontier Markets Teams bei Redwheel, der Parallelen zu glorreichen 2000er-Jahrezeit erkennt: „Die Bedingungen, die den letzten Superzyklus der Schwellenländer angetrieben haben – günstigere Währungen, festere Rohstoffpreise und ein relatives Wachstumsplus – treten nun wieder auf.“

Experten sehen daher eine Neubewertung. Zwei starke Gegenwinde der vergangenen Jahre könnten sich drehen: Risikoprämien könnten sinken, und die Verwässerung des Gewinns je Aktie geht tendenziell zurück.

Was hat die Schwellenländer in der Vergangenheit gebremst?

Bei all den Potenzialen kann man schon beinahe von einer „verlorene Dekade“ der Emerging-Markets-Aktien sprechen. Nach Ansicht von Nakamura haben drei Faktoren Schwellenländer-Aktien über die Jahre belastet:

Das ist zum einen der abnehmende nominale Wachstumsvorsprung gegenüber Industrieländern (u.a. Disinflation/Deflation in China, weniger eindeutige Kostenvorteile). Dazu gesellten sich anhaltend hohe Risikoaufschläge durch geopolitische und politische Unsicherheiten. Und Punkt drei: Eine Verwässerung des Gewinns je Aktie durch eine steigende Aktienanzahl – im Gegensatz zu stärker aktionärsfreundlichen Kapitalmaßnahmen (zum Beispiel Aktienrückkäufe) in den USA.

Das hat sich jüngst verändert hat

Der Vontobel-Experte sieht, dass sich die Vorzeichen 2025 zum besseren gedreht haben. Das sind nach Ansicht Nakamuras die wesentlichen Stellschrauben gewesen:

Sinkende Risikoprämien: Viele Volkswirtschaften der Schwellenländer zeigten sich widerstandsfähiger als erwartet. Zudem nahm die Handelsverflechtung untereinander zu. China konnte US-Zollrisiken besser abfedern, auch weil Chinas Anteil an den US-Importen in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen ist. 

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Mehr Fokus auf Aktionärsrenditen: Unternehmen aus den Emerging Markets erhöhen die Aktienrückkäufe deutlich. Die kumulierten Rückkaufvolumina sind seit 2020 fünffach gestiegen; zudem stützen staatlich flankierte „Value up“-Initiativen (z. B. Südkorea, China) aktionärsfreundlichere Maßnahmen. 

Bewertungen und Positionierung bleiben attraktiv: Trotz Neubewertung handeln Schwellenländeraktien im Shiller-KGV weiterhin mit rund 45 Prozent Abschlag gegenüber Industrieländern. Zudem ist das Engagement globaler Investoren noch gering: Bei einer Rückkehr zur 10-Jahres-Durchschnittsallokation könnten rund 340 Milliarden US-Dollar in Emerging-Markets-Aktien fließen; 2025 lagen die Zuflüsse bei rund 31 Milliarden US-Dollar. 

Die Schwellenländer-Treiber

Derzeit lassen sich gleich mehrere Wachstumsmotore feststellen. Zu nennen sind hier etwa Technologie, Rohstoffe und Künstliche Intelligenz. „Gestärkt werden viele Schwellenländer zudem vom Technologiewettbewerb zwischen China und den USA. Sie profitieren von der Nachfrage nach Rohstoffen und Technologieexporten. Gleichzeitig bauen sie technologische Kompetenzen aus. Auch die hohen Preise für Rohstoffe erweisen sich als Wachstumsmotor“, sagt Thomas Fischli Rutz, Head Emerging Markets bei Fisch Asset Management.

Ein weiterer Aspekt ist der schwache Doller. „Nicht zuletzt bekommen Schwellenländer Rückenwind durch einen schwachen US-Dollar. Er dämpft die Inflation und ermöglicht Zentralbanken Zinssenkungen. Daher dürfte der globale Zinssenkungszyklus auch 2026 anhalten – einschließlich weiterer Schritte der Federal Reserve“, so Fischli Rutz.

Nach Ansicht des Experten von Fisch Asset Management sind Unternehmen aus Schwellenstaaten solider als ihre US-Pendants. „Unternehmen aus Schwellenländern werden weiterhin von soliden Fundamentaldaten gestützt – bedingt durch wachsende Umsätze und Gewinne. Die Nettoverschuldung ist niedriger als bei US-Wettbewerbern. Auch die Kreditkennzahlen sind besser“, meint Fischli Rutz.

Solltest du einen Schwellenländer-ETF kaufen?

„Wir schätzen, dass Investoren im Jahr 2025 etwa 45 Milliarden US-Dollar in passive ETFs investierten, ihre Allokationen in Schwellenmärkte jedoch nur sehr leicht erhöht haben“, erklärt Malloy, der einen Trend feststellt, Mittel von US-Aktien in internationale Märkte umzuschichten. Das dürfe sich fortsetzen – nicht nur aufgrund hoher Bewertungen, sondern auch wegen der übermäßigen Gewichtung der USA in globalen Aktienindizes.

Tipp: Wie sieht dein Portfolio aus? Zu viel USA im Depot? So gehst du mit diesem Problem richtig um.

Die in diesem Beitrag genannten Experten trauen Schwellenländeraktien wieder viel zu. Ein Trend, der längerfristig anhalten könnte. Die verheißungsvollen Regionen gehören aber nicht nur ein Depot, um auf eine Aufholjagd zu setzen, du solltest das Engagement eher langfristig sehen und als weiteres ETF-Element zur Diversifikation.

Wie gehe ich vor?

Eine bewährte Methode ist es, Aktien aus Industrie- und Schwellenländern in einem Verhältnis von 70:30 zu halten. Du kannst dich hierzu etwa an unserem 70/30 ETF-Portfolio orientieren. Wenn du einen Schwellenländer-ETF gekauft hast, solltest du unbedingt den extraETF Portfolio Tracker nutzen, um immer zu sehen, wie sich deine Positionen verhalten und ob Rebalancing nötig ist. Du wirst über dieses Tool auch erkennen, wie sich das Chance-Risiko-Verhältnis deiner Industrie- und Schwellenländer-Position verhält.