Sollten ETF-Investoren in Deutschland- oder Europa-Aktien investieren?

Abseits von KI und Big Tech: Europa-Aktien feiern ihr Comeback

Sinkende Zinsen, starke Konsumenten und milliardenschwere Investitionsprogramme: Der Aktienmarkt in Europa bietet neue Chancen abseits von Tech.

Lange Zeit galt Europas vergleichsweise geringe Bedeutung im Technologiesektor als Nachteil gegenüber den USA. Während amerikanische Technologiekonzerne die Börsenentwicklung dominierten, fehlten in Europa die großen KI- und Plattformgewinner. Doch genau dieser vermeintliche Nachteil könnte sich nun als Vorteil erweisen.

„Europäische Aktien haben in den ersten Monaten dieses Jahres eine starke Nachfrage verzeichnet“, sagt Jon Ingram, Portfoliomanager für europäische Aktien bei J.P. Morgan Asset Management. Viele Anleger suchen derzeit nach Alternativen zu den hoch bewerteten Technologieaktien und wollen ihre Portfolios breiter aufstellen. Europa bietet dafür eine deutlich größere sektorale Vielfalt.

Zusätzlichen Rückenwind erhält der Kontinent durch niedrigere Zinsen, fiskalische Impulse und weiterhin attraktive Bewertungen. Trotz geopolitischer Unsicherheiten bleibt der Ausblick für europäische Aktien nach Einschätzung des Experten insgesamt positiv.

Europa: Konsumenten und Banken vor einer neuen Wachstumsphase

Auf den ersten Blick wirken Europas Konsumsektoren wenig attraktiv. Die Verbraucherausgaben entwickelten sich in den vergangenen Jahren eher schwach. Doch unter der Oberfläche zeichnet sich eine Trendwende ab.

Viele Haushalte verfügen noch immer über Ersparnisse aus der Pandemiezeit. Anders als in den USA wurden diese Rücklagen bislang nur begrenzt genutzt. Gleichzeitig sorgen sinkende Zinsen für zusätzliche Entlastung. Das schafft die Grundlage für eine stärkere Binnennachfrage und könnte zahlreiche Unternehmen im Konsumsektor unterstützen.

Tipp: Du hast dieses Problem: Zu viel USA im Depot? So gehst du mit diesem Problem richtig um.

Von dieser Entwicklung profitieren auch Banken. Nach schwierigen Jahren mit extrem niedrigen Zinsen haben viele Institute ihre Profitabilität durch Digitalisierung und Kostensenkungen deutlich verbessert. Besonders bemerkenswert ist eine Aussage von Ingram: „Es scheint kaum zu glauben zu sein, aber in den letzten fünf Jahren haben die europäischen Banken tatsächlich die Aktien der ‚Magnificent Seven‘ übertroffen.“ Mit den sogenannten Magnificent Seven sind die sieben US-Tech Riesen gemeint: Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet (Google), Meta (Facebook), Nvidia und Tesla.

Die verborgenen Schätze Europas

Besonders spannend sind für langfristige Anleger kleine und mittelständische Unternehmen. Viele dieser Firmen stehen nicht im Fokus der breiten Öffentlichkeit, verfügen aber über attraktive Geschäftsmodelle und interessante Wachstumsperspektiven.

Als Beispiel nennt Ingram den Brettspielhersteller Asmodee (WKN: A411F9, dessen Produkte von einem gesellschaftlichen Trend profitieren: Immer mehr Eltern möchten die Bildschirmzeit ihrer Kinder reduzieren. Auch im Energiesektor sieht er Chancen. Der französische Versorger Engie punktet mit einer hohen Dividendenrendite und könnte von der steigenden Energienachfrage durch Rechenzentren profitieren. Besonders wichtig sei dabei die flexible Stromerzeugung des Unternehmens – „ein enormer Vorteil in einem Markt, der zunehmend auf unvorhersehbare erneuerbare Energieerzeugung angewiesen ist“.

Milliardenprogramme als langfristiger Wachstumstreiber

Neben Konsum und Unternehmensgewinnen spielt die Politik derzeit eine wichtige Rolle. Zahlreiche europäische Staaten investieren verstärkt in Infrastruktur, Verteidigung, Digitalisierung und die Energiewende.

Deutschland steht dabei besonders im Fokus. Unternehmen wie Bilfinger (WKN: 590900) könnten von steigenden Infrastrukturausgaben profitieren. Gleichzeitig erhöhen auch andere Länder ihre Investitionen. Laut Ingram gilt: „Diese Ausgaben sind zwar ungleichmäßig verteilt, aber sie sind real, erstrecken sich über mehrere Jahre und erweitern die adressierbaren Märkte vieler europäischer Unternehmen.“

Von diesem Trend könnten Unternehmen aus den Bereichen Verteidigung, Elektrifizierung und Infrastruktur über Jahre hinweg profitieren.

Übrigens: Das Thema Verteidigung ist derzeit ein bestimmendes Thema in Europa. Wir planen dazu in den Sommermonaten einen DeepDive zu veröffentlichen. Schau dir solange unsere beliebte Themenseite zu Rüstungs-ETFs an.  

So kannst du auf Europa setzen

Die eine Möglichkeit ist eine eigene Europa-Position. Schau dir dazu einfach unseren Beitrag Investieren in Europa-ETFs an. Doch in welchem Umfang ist das vernünftig? Gemessen an der Wirtschaftsleistung wäre ein Anteil bis 20 Prozent zu rechtfertigen. Aber Apropos Wirtschaftsleistung: Ein neuer Welt-ETF gewichtet die Staaten nach ihrer Wirtschaftskraft, sprich dem Bruttoinlandsprodukt (BIP oder auf Englisch: GDP). Damit könntest du auch den US-Anteil senken und das Gewicht Europas erhöhen. Darin ist sogar China das Schwergewicht. Erfahre mehr darüber: Erster BIP-Welt-ETF: So deckst du die Weltwirtschaft wirklich ab. Und hier der BIP-Welt-ETF im Überblick:

Was ETF-Anleger daraus mitnehmen können

Für ETF-Anleger zeigt sich einmal mehr, wie wichtig eine breite regionale Diversifikation ist. Während die USA weiterhin stark von Technologieunternehmen geprägt sind, bietet Europa Zugang zu Branchen wie Finanzdienstleistungen, Industrie, Energie oder Infrastruktur. Aber auch Schwellenländer bieten interessante Chancen, wie wir hier zuletzt geklärt haben: KI-Boom, schwacher Dollar, günstige Bewertungen: Schwellenländer boomen jetzt.

Tipp: Ein Kompromiss aus Gewichtung nach BIP und Marktkapitalisierung ist es, Industrie- und Schwellenländer im Verhältnis 70 zu 30 ins Depot aufzunehmen. Erfahre mehr über das 70/30 ETF-Portfolio.

So bist du aktuell in den einzelnen Ländern investiert

Wer wissen möchte, wie stark das eigene Portfolio bereits in einzelne Länder investiert ist, kann dies mit dem extraETF Portfolio Tracker schnell überprüfen. Dort werden die Länderaufteilungen der enthaltenen ETFs transparent dargestellt und ermöglichen einen schnellen Überblick über regionale Schwerpunkte und mögliche Klumpenrisiken.

„Während viele Märkte in den USA und Asien mittlerweile von Technologieausgaben und -gewinnen abhängig sind, bietet Europa durch seine sektorale Breite genau die Diversifizierung, nach der Anlegerinnen und Anleger heute suchen“, fasst Ingram zusammen. Für Anleger könnte Europa damit in den kommenden Jahren deutlich interessanter werden, als viele derzeit erwarten.