Die Formel für deinen Reichtum: Die Wahrheit hinter dem Zinseszins

Das meiste Geld verdienst du erst kurz vor dem Ziel. Was eine Rechnung von 1972 über ETF-Sparpläne, Geduld und das Altersvorsorgedepot verrät.
Dass der Zinseszins langfristig wirkt, weiß fast jeder. Wie stark sich dieser Effekt aber auf die letzten Jahre einer Anlage konzentriert, unterschätzen viele Anleger. Eine Rechnung des US-Journalisten Thomas Phelps aus dem Jahr 1972 macht das sichtbar, und sie gilt nicht nur für Einzelaktien, sondern auch für deinen ETF-Sparplan und das geplante Altersvorsorgedepot.
Die Zinseszins-Rechnung für deinen Anlageerfolg
Thomas William Phelps begann seine Karriere 1927 beim Wall Street Journal und arbeitete später als Analyst und Anlageberater. 1972 veröffentlichte er das Buch „100 to 1 in the Stock Market“. Darin untersuchte er 365 Aktien, die sich zwischen 1932 und 1971 mehr als verhundertfacht hatten, und ging der Frage nach, was Anleger tun müssen, um von solchen Kurssteigerungen tatsächlich zu profitieren. Seine wichtigste Antwort: Zeit.
Wie viel Zeit, zeigt eine einfache Rechnung im Geiste von Phelps. Damit sich ein Investment in 25 Jahren verhundertfacht, muss es jedes Jahr um rund 20,2 Prozent zulegen. Das entspricht der 25. Wurzel aus 100.
Spannend wird es, wenn du früher aussteigst. Wer nach 20 Jahren verkauft, hat nicht 80 Prozent des möglichen Ergebnisses erzielt, sondern weniger als 40 Prozent, nämlich das 39,8-Fache. Rund 60 Prozent des Endvermögens entstehen also erst in den letzten fünf Jahren.
Wichtig für das Verständnis: Das Kapital wächst in diesen letzten fünf Jahren nicht schneller als zuvor. Es legt wie in jedem Fünfjahreszeitraum um den Faktor 2,5 zu. Weil es aber von einem hohen Sockel aus wächst, ist der absolute Zuwachs gewaltig. Nach 15 Jahren, nach anderthalb Jahrzehnten mit Crashs, Erholungen und Quartalszahlen, hältst du erst knapp 16 Prozent dessen in der Hand, was am Ende möglich wäre.
Phelps' 100-fach-Rechnung: So wachsen 10.000 Euro bei 20,2 Prozent Rendite
| Haltedauer | Depotwert | %-Anteil vom Endvermögen |
|---|---|---|
| 5 Jahre | 25.119 € | 2,5 % |
| 10 Jahre | 63.096 € | 6,3 % |
| 15 Jahre | 158.489 € | 15,8 % |
| 20 Jahre | 398.107 € | 39,8 % |
| 25 Jahre | 1.000.000 € | 100 % |
Tipp: Spiele es selbst durch und nutze unseren Zinseszinsrechner.
Der Haken: 100-Bagger sind die absolute Ausnahme
Phelps' Beispiel arbeitet mit 20,2 Prozent Rendite pro Jahr über ein Vierteljahrhundert. Das schaffen nur sehr wenige Unternehmen. Der US-Ökonom Hendrik Bessembinder von der Arizona State University hat in seiner Studie „Do Stocks Outperform Treasury Bills?“ (2018) US-Aktiendaten seit 1926 ausgewertet. Sein Ergebnis: Nur rund vier Prozent aller börsennotierten Unternehmen erklären den gesamten Nettovermögenszuwachs des US-Aktienmarkts in diesem Zeitraum. Die Mehrheit der Einzelaktien schnitt über ihre gesamte Börsenzeit sogar schlechter ab als kurzlaufende US-Staatsanleihen.
Fast 60 % aller Aktien machen langfristig Verlust. Setze auf globale Streuung – mehr im DeepDive zu Welt-ETFs.
Wer die späteren Gewinner im Voraus finden will, braucht also nicht nur Geduld, sondern auch enormes Glück oder Können. Und selbst wer einen künftigen 100-Bagger im Depot hat, muss ihn durch zwischenzeitliche Kurseinbrüche von teils 50 Prozent und mehr halten.
Was ETF-Anleger daraus lernen können
Die gute Nachricht: Das Prinzip hinter Phelps' Rechnung hängt nicht an der Höhe der Rendite. Es gilt für jedes exponentielle Wachstum, also auch für einen breit gestreuten Welt-ETF. Und genau hier liegt die Antwort auf das Problem aus Bessembinders Studie: Wer breit investiert, muss die wenigen großen Gewinner nicht vorher kennen, weil er sie automatisch mit im Depot hat.
Wie breit „breit“ tatsächlich ist, hängt allerdings vom Index ab. Der MSCI World etwa deckt nur Industrieländer ab, Schwellenländer und Nebenwerte fehlen. Welche ETFs wirklich die ganze Welt abbilden und welche Weltindizes sich dafür eignen, zeigen wir dir ausführlich in unserem DeepDive zu Welt-ETFs.
Nehmen wir als Rechenbeispiel eine Rendite von sieben Prozent pro Jahr. Das entspricht in etwa der langfristigen historischen Entwicklung von Welt-ETFs. Legst du einmalig einen Betrag für 30 Jahre an, entsteht knapp die Hälfte des Endvermögens erst in den letzten zehn Jahren.
Beim ETF-Sparplan zeigt sich ein ähnliches Bild. Sparst du 30 Jahre lang jedes Jahr denselben Betrag bei sieben Prozent Rendite, entstehen rund 57 Prozent deines Endvermögens in den letzten zehn Jahren, obwohl du in dieser Phase nur ein Drittel deiner Einzahlungen leistest. Rechnest du diese Einzahlungen heraus, gehen immer noch rund 46 Prozent des Endvermögens allein auf die Rendite der letzten zehn Jahre zurück. Mit dem ETF-Sparplanrechner spielst du das für deine eigenen Zahlen durch.
Die Kehrseite: Kurz vor dem Ziel wird jeder Crash teurer
So überzeugend die Rechnung ist, sie hat eine Kehrseite. Wenn in den letzten Jahren der größte Teil des Vermögens auf dem Spiel steht, trifft dich ein Börsencrash genau dann am härtesten. Ein Minus von 30 Prozent auf ein Depot, das gerade seinen Höchststand erreicht hat, kostet in absoluten Zahlen ein Vielfaches dessen, was derselbe Einbruch in den ersten Sparjahren gekostet hätte. Und anders als in jungen Jahren fehlt kurz vor der Rente oft die Zeit, die Verluste wieder aufzuholen.
Deshalb ist es sinnvoll, die Aktienquote einige Jahre vor dem Ruhestand schrittweise zu senken und einen Teil des Vermögens in schwankungsärmere Anlagen wie Anleihen oder Geldmarkt-ETFs umzuschichten. Nutze an dieser Stelle den Risikokapazitätsrechner.
Das ist kein Widerspruch zu Phelps: Du bleibst investiert und lässt den Zinseszins weiterarbeiten, reduzierst aber das Risiko, dass ein einzelner Crash zum falschen Zeitpunkt deine Planung durchkreuzt. Wie schnell und wie stark du umschichtest, hängt davon ab, wie lange du das Geld im Ruhestand brauchst und wie viel Schwankung du aushalten kannst.
Altersvorsorgedepot: Warum eine lange Laufzeit hilft
Besonders relevant wird Phelps' Rechnung für die Altersvorsorge. Ab dem 1. Januar 2027 soll das staatlich geförderte Altersvorsorgedepot die Riester-Rente ablösen. Damit können Sparer erstmals gefördert und renditeorientiert in ETFs investieren, und das typischerweise über Jahrzehnte bis zum Ruhestand. Was genau geplant ist, erklären wir dir in unserem Wissensartikel zum Altersvorsorgedepot.
Gerade weil die Laufzeit hier so lang ist, entfaltet der Zinseszins seine volle Wirkung, vorausgesetzt, du bleibst bis zum Ende investiert. Wie viel bei deinen persönlichen Sparraten am Ende herauskommen kann, berechnest du mit dem Altersvorsorgedepot-Rechner.
Auch der Gesetzgeber hat das Risiko kurz vor Rentenbeginn im Blick, allerdings nicht für alle Varianten gleich. Im frei gestaltbaren Altersvorsorgedepot ohne Beitragsgarantie ist eine Aktienquote von bis zu 100 Prozent möglich. Wann und wie stark du dort umschichtest, entscheidest du selbst.
Anders beim Standarddepot, der gesetzlich geregelten Basisvariante: Hier investiert der Anbieter in nur zwei Fonds, einen renditeorientierten und einen defensiven, und schichtet mit näher rückendem Rentenbeginn automatisch in den sicheren Baustein um. Nach aktuellem Stand sinkt die Aktienquote fünf Jahre vor Rentenbeginn auf 50 Prozent und zwei Jahre vorher auf 30 Prozent. Welche Anbieter ein Standarddepot planen, zeigt unser Standarddepot-Vergleich.
Sei beim Altersvorsorgedepot von Anfang an dabei. Trag dich jetzt in unsere AVD-Startliste ein.
Was das für deine Anlagestrategie bedeutet
Die Mathematik ist eindeutig, und trotzdem nutzen viele Anleger den Zinseszins nicht konsequent. Warum das so ist, haben wir in unserem Beitrag Zinseszinseffekt: Warum wir trotz „Weltwunder“ nicht alle reich sind beleuchtet. Aus Phelps' Rechnung lassen sich vier praktische Schlüsse ziehen:
- Erstens kostet ein vorzeitiger Ausstieg überproportional viel. Wer seinen Sparplan nach 20 statt 30 Jahren auflöst, verzichtet nicht auf ein Drittel, sondern auf deutlich mehr als die Hälfte des möglichen Vermögens.
- Zweitens sind Unterbrechungen in Krisen besonders teuer. Wer in einem Crash verkauft und den Wiedereinstieg verpasst, nimmt sich genau die Phase, in der der Zinseszins am stärksten wirkt.
- Drittens zählt der frühe Start. Jedes zusätzliche Jahr am Anfang verlängert die Anlagedauer am Ende, also genau dort, wo die großen Zuwächse entstehen. Das ist auch der Grundgedanke hinter der geplanten Frühstartrente, bei der der Vermögensaufbau bereits im Kindesalter beginnen soll.
- Viertens solltest du das Risiko rechtzeitig vor dem Ruhestand reduzieren. Dabeibleiben heißt nicht, bis zum letzten Tag voll in Aktien zu bleiben, sondern das Erreichte in den letzten Jahren schrittweise abzusichern.
Ob dein Depot auf Kurs ist und wie hoch deine Aktienquote aktuell tatsächlich ist, siehst du im extraETF Portfolio Tracker, der die Entwicklung und Zusammensetzung deiner Positionen über die Zeit transparent macht.
Fazit: Der Zinseszins braucht vor allem Geduld
Thomas Phelps hat 1972 keine neue Formel erfunden, sondern nur konsequent nachgerechnet. Sein Ergebnis ist trotzdem unbequem: Vermögen entsteht nicht gleichmäßig, sondern zum großen Teil am Ende. Für ETF-Anleger heißt das nicht, nach dem nächsten 100-Bagger zu suchen, sondern breit zu streuen, früh anzufangen und dabeizubleiben, wenn die eigentliche Ernte beginnt. Weil in dieser Phase aber auch am meisten auf dem Spiel steht, gehört eine rechtzeitige Absicherung kurz vor dem Ruhestand ebenso zur Strategie. Mit dem Altersvorsorgedepot bekommst du ab 2027 dafür ein zusätzliches, gefördertes Werkzeug an die Hand, im Standarddepot sogar mit automatischem Risikoabbau.


