Raus aus dem Tech-Schatten: Warum Aktien außerhalb der USA ideal für Faktor-Investing sind

Über ein Jahrzehnt lang führte kaum ein Weg an US-Large-Caps vorbei. Apple (WKN: 865985), Microsoft (WKN: 870747) und Nvidia (WKN: 918422) zogen die Märkte nach oben, Europa und Japan waren im Depot eher Beiwerk. 2025 hat sich das Blatt gewendet. Die Portfoliomanager Benjamin Wang und Zoey Zhu von Janus Henderson Investors halten jetzt den richtigen Moment für einen zweiten Blick für gekommen. Ihre These: Die Märkte außerhalb der USA sind ideales Terrain für Faktor-Investing.
Ex-USA: Das stärkste Jahr seit Jahrzehnten
Der MSCI EAFE, der die Industrieländer ohne USA und Kanada abbildet, legte 2025 in US-Dollar um 32 Prozent zu. Damit schlug er den S&P 500 so deutlich wie seit 1993 nicht mehr. Für Euro-Anleger fiel das Plus wegen der Dollar-Schwäche kleiner aus, der Vorsprung blieb aber. Auch 2026 hält der Trend laut Janus Henderson bislang an. Hält er bis Jahresende, wären es die ersten zwei Outperformance-Jahre in Folge seit 2007.
Als Gründe nennen Wang und Zhu die hohe Konzentration des US-Marktes, bessere Gewinnerwartungen in mehreren Industrieländern und den anhaltenden Bewertungsabschlag gegenüber US-Aktien. In der Praxis greifen Anleger meist zu ETFs auf den MSCI World ex USA, der anders als der EAFE auch Kanada enthält. Eine Übersicht findest du in unserem Ratgeber zu MSCI World ex USA-ETFs.
Ein ganz anderer Markt
Im S&P 500 machen Technologie- und Kommunikationswerte fast die Hälfte aus. Im MSCI EAFE dominieren dagegen Finanzwerte, Industrie, Grundstoffe und andere konjunktursensible Branchen. Für dich heißt das: ein Gegengewicht zum tech-lastigen Depot und Zugang zu anderen Renditequellen.
„Die Breite und Vielfalt der Industrieländer außerhalb der USA machen diese besonders geeignet für einen disziplinierten Multi-Faktor-Ansatz“, schreiben Wang und Zhu. Die fragmentierte Struktur dieser Märkte schaffe Ineffizienzen, die sich gezielt nutzen ließen, ähnlich wie früher bei US-Nebenwerten.
Faktor-Investing: Kein Faktor gewinnt immer
Beim Faktor-Investing zählt nicht der Börsenwert, sondern Merkmale, die sich historisch als Renditetreiber bzw. Risikosenker erwiesen haben. Mehr dazu im Ratgeber zu Smart-Beta-ETFs.
Bekannte Faktoren und die Einschätzung von Janus Henderson für Aktienmärkte außerhalb den USA
| Faktor | Idee | Kennzahlen | Außerhalb der USA |
|---|---|---|---|
| Value | Günstige Aktien | KGV, KBV, Div. Rend. | Besonders wirksam |
| Quality | Solide Unternehmen | ROE, ROA, Verschuldung | ROA wichtiger |
| Momentum | Positiver Trend | Kursentwicklung, Gewinnprognosen | Eher wechselhaft |
| Niedrige Volatilität | Geringe Schwankungen, weniger Verluste in Krisen | Schwankungsbreite, Beta | Nicht Teil der Analyse |
| Size | Kleinere Unternehmen mit mehr Wachstumspotenzial | Marktkapitalisierung | Nicht Teil der Analyse |
Das Problem: Jeder Faktor erlebt lange Phasen der Stärke und der Schwäche. Ein aktuelles Beispiel ist das Geschäftsmomentum, also Unternehmen mit steigenden Gewinnprognosen und positivem Kurstrend. In der zweiten Jahreshälfte 2025 und im Frühjahr 2026 war es ein starker Renditetreiber, Ende Juni und im Juli 2026 folgte die scharfe Umkehr. Für Wang und Zhu ein Beleg, dass nach starker Outperformance mit überdurchschnittlicher Volatilität zu rechnen ist.
Die Lösung: Faktoren kombinieren. Ein ausgewogener Mix aus Qualität, Bewertung, Kapitaleffizienz und Momentum hat sich laut Analysen von Janus Henderson im MSCI-EAFE-Universum über 20 Jahre als wirksamer erwiesen als jeder Einzelfaktor.
Dividenden: Der große Unterschied
Janus Henderson hat Aktien nach ihrer Dividendenrendite in fünf Gruppen (Quintile) eingeteilt und die stärkste mit der schwächsten verglichen. Das Ergebnis für Juni 2006 bis Juni 2026:
- MSCI EAFE: Vorsprung von 3,5 Prozent pro Jahr
- USA: nur 0,7 Prozent pro Jahr
Der Grund: Hohe Tech-Bewertungen, eine wachstumslastige Sektorstruktur und Aktienrückkäufe statt Ausschüttungen drücken in den USA die Dividendenrenditen. Außerhalb der USA hat die Dividende traditionell mehr Gewicht: Globale Dividenden-ETFs im Vergleich.
Auch Qualität tickt anders
Im tech-lastigen US-Markt dominieren beim Qualitätsfaktor die Eigenkapitalrendite (ROE) und die Rendite auf das investierte Kapital (ROIC). Außerhalb der USA, wo Finanzwerte stärker und kapitalleichte Tech-Konzerne schwächer vertreten sind, zählt die Gesamtkapitalrendite (ROA) mehr. Trotzdem warnen Wang und Zhu davor, gerade erfolgreichen Faktoren hinterherzulaufen oder regionale Verschiebungen timen zu wollen.
„Unsere Analysen zeigen, dass sich Faktoren über Länder hinweg langfristig eher ähneln als unterscheiden“, meinen die Portfoliomanager Benjamin Wang und Zoey Zhu von Janus Henderson Investors. Nachhaltiger sei es, breit zu streuen, über Faktoren hinweg und innerhalb einzelner Faktoren.
Was bedeutet das für dein Depot?
Etwas Abstand schadet nicht: Janus Henderson bietet selbst faktorbasierte Strategien an. Zudem sind vergangene Wertentwicklungen keine Garantie für die Zukunft, und ein starkes Jahr 2025 ist noch keine Trendwende. Ein ehrlicher Blick auf deine Aufteilung lohnt sich trotzdem. Wer nur einen MSCI-World-ETF bespart, steckt rund 70 Prozent seines Aktienvermögens in US-Werte, einen großen Teil davon in wenige Tech-Megacaps. Schwellenländer und Nebenwerte fehlen ganz.
So setzt du Faktor-Investing um:
- Multi-Faktor-ETFs mit Nicht-US-Fokus: Sie setzen den empfohlenen Faktor-Mix direkt um. Die Auswahl ist allerdings klein, globale Varianten sind meist stark US-lastig. Mehr dazu in unserem Ratgeber zu Multi-Faktor-ETFs.
- Dividenden-ETFs mit europäischem oder internationalem Fokus: Für alle, die gezielt auf den Faktor setzen wollen, der außerhalb der USA laut Janus Henderson besonders stark gewirkt hat.
- Einzelfaktor-ETFs: Value, Quality oder Momentum gibt es auch für Europa. Kombiniere aber mehrere, um nicht in die Falle zu tappen, vor der Wang und Zhu warnen.
Europa-Aktien mit mehreren Faktoren
Du kannst etwa mit unterschiedlichen Faktoren auf europäische Titel setzen. So bildet der iShares STOXX Europe Equity Multifactor UCITS ETF (WKN: A14YPB) den STOXX Developed Europe Equity Factor Screened Index ab. Dieser wählt große und mittelgroße Unternehmen aus Europas Industrieländern so aus und gewichtet sie so, dass fünf Faktoren maximal zum Tragen kommen: Momentum, Qualität, Value, niedrige Volatilität und Größe.
Japan, Australien und Kanada fehlen. Europa stellt aber den größten Teil der Industrieländer außerhalb der USA und bietet genau die Sektorvielfalt aus Banken, Industrie, Pharma und Konsum, die Janus Henderson hervorhebt.
Der ETF ist seit gut elf Jahren am Markt, kostet 0,25 Prozent pro Jahr (TER), bildet den Index vollständig physisch nach, und die vorgestellte Anteilsklasse ist thesaurierend. Früher hieß er iShares Edge MSCI Europe Multifactor UCITS ETF, bevor Blackrock den Referenzindex von MSCI auf STOXX umstellte.
Wichtig: Faktor-ETFs können über längere Phasen hinter dem breiten Markt zurückbleiben und sind teurer als ein einfacher Europa-ETF. Als Beimischung zum Welt-ETF eignen sie sich für Anleger, die bewusst auf Faktoren setzen und Durststrecken aushalten.
Die Basis sollte immer globale Streuung sein. Mehr dazu im DeepDive zu Welt-ETFs.
Fazit: Ausgewogenheit statt Regionenwette
Internationale Industrieländer hängen weniger an einer Handvoll US-Tech-Konzerne und streuen über verschiedene Währungen. Das ist vor allem bei einem schwachen Dollar ein Plus. Dafür kommen unterschiedliche Konjunkturzyklen und politische Rahmenbedingungen ins Spiel.
Die Kernbotschaft von Janus Henderson ist deshalb keine Wette auf eine Region, sondern ein Plädoyer für Ausgewogenheit: Wer auf mehrere Faktoren und Märkte setzt, ist für wechselnde Marktphasen besser gerüstet als jemand, der alles auf einen einzigen Renditetreiber setzt.


