Europa-Aktien vor dem Comeback: Warum Profis jetzt wieder auf den alten Kontinent setzen

Europa-Aktien vor dem Comeback: Warum Profis jetzt wieder auf den alten Kontinent setzen
Aktien aus Europa erscheinen wieder stärker

Gewinne steigen, Reformen greifen: Expertem sehen Europa im Aufwind. Was das für dein ETF-Depot heißt – und warum global trotzdem Basis bleibt.

Europas Aktienindizes notieren nahe ihren Rekordständen, doch das Vorurteil vom trägen Kontinent hält sich. Die DWS hält dagegen. „Kapitalmärkte werden nicht von absoluten Niveaus bestimmt, sondern von Veränderungen der Wahrnehmung und relativen Bewertungen”, schreibt CIO Vincenzo Vedda in der Studie „CIO Spezial”.

Die Konjunktur gibt ihm teilweise recht. Im ersten Halbjahr 2026 wuchs die Eurozone fast so schnell wie die USA – trotz Ukraine-Krieg, US-Zöllen und Golfkonflikt. Der Einkaufsmanagerindex der Industrie erreichte im August im Euroraum den höchsten Stand seit Mai 2022, in Deutschland den stärksten Wert seit mehr als vier Jahren. Die Bundesregierung rechnet für 2026 mit einem Wirtschaftswachstum um 1,3 Prozent.

Deutschland als Schlüsselspieler in Europa

Mit einer Staatsverschuldung von unter 65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) hat Deutschland deutlich mehr finanziellen Spielraum als der Eurozonen-Schnitt oder die USA. Das im Juli vorgelegte Reformpaket mit 34 Maßnahmen könnte laut DWS im Erfolgsfall so bedeutend werden wie die Agenda 2010.

Hinzu kommt die Rentenreform: Flössen zwei Prozent der Einkommen in eine kapitalgedeckte Säule, kämen laut Bundesarbeitsministerium jährlich rund 35 Milliarden Euro zusätzlich an den Kapitalmarkt.

Die Gewinne wachsen wieder

Europäische Aktien sind nicht mehr nur billig, sie wachsen auch. Im zweiten Quartal stiegen die Gewinne je Aktie laut DWS um mehr als 20 Prozent, so stark wie seit Ende 2022 nicht mehr. Für das Gesamtjahr erwarten Analysten nahezu 17 Prozent, J.P. Morgan Asset Management rechnet etwas vorsichtiger mit bis zu 15 Prozent.

„Dies zeigt, dass sich der Aufwärtstrend bei den Gewinnprognosen auf breiter Basis vollzieht”, sagt Michael Barakos, Portfolio-Manager bei J.P. Morgan AM. 

Als ETF-Anleger hast du zwei Möglichkeiten, breit auf europäische Aktien zu setzen. Beginnen wir mit der aktiven Variante. Hier noch ein aktiver Ansatz auf europäische Aktien in aller Kürze:

Treiber ist laut DWS das „Neue Europa”: Investitionsgüter, Banken, Halbleiter und Versorger. Ihr Anteil am MSCI Europe stieg seit 2015 von rund 25 auf etwa 40 Prozent. Trotzdem notiert der Stoxx Europe 600 auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses rund 25 Prozent unter dem S&P 500, mehr als im langjährigen Schnitt von 20 Prozent. „Wir gehen nicht davon aus, dass der langjährige Bewertungsabschlag Europas gegenüber den USA vollständig verschwinden wird”, sagt Barakos. Eine Verringerung hält er aber für realistisch.

Europa und USA im Vergleich

KennzahlEuropaUSA
Wirtschaftswachstum 1. Halbjahr 2026, annualisiert1,2 Prozent (Eurozone ohne Irland)1,5 Prozent
DWS-Wachstumsprognose 2027rund 1,3 Prozent (Eurozone)2,0 Prozent
Staatsverschuldung in Prozent des BIPdurchschnittlich 88 Prozent (Eurozone)über 120 Prozent
Anteil der zehn größten Unternehmen am Aktienmarktrund 20 Prozentknapp 40 Prozent
Quelle: DWS Investment GmbH, CIO Spezial „Europas Charme wächst, absolut wie relativ” (10. September 2026).

Die USA wachsen schneller, aber auf Pump und mit einem stark konzentrierten Aktienmarkt. Hinzu kommen US-Staatsschulden von über 40 Billionen US-Dollar und eine starke Abhängigkeit vom KI-Investitionsboom. „Das Anlageargument für Europa lautet daher nicht, dass die USA ihre Innovationsführerschaft verlieren”, betont Vedda. Vielmehr hingen viele Portfolios inzwischen von wenigen US-Treibern ab.

Barakos ergänzt: Europa verdiene vor allem dort, wo KI auf die reale Welt trifft, etwa bei Netzausrüstung oder Fabrikautomation. Enttäuscht KI, wäre Europa weniger stark betroffen. Setzt sie sich durch, profitiert Europa ebenfalls. Streuung bleibt Trumpf und deshalb stellen wir dir noch eine passive, marktbreite ETF-Lösung auf den europäischen Aktienmarkt vor:

Die Risiken in Europa

Beide Häuser sind Vermögensverwalter mit eigenen Produktinteressen, ihre Prognosen sind Einschätzungen. Vom Reformplan des Draghi-Berichts sind laut Draghiwatch erst etwa 16 Prozent umgesetzt. Nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt könnte zudem der Rückhalt für die Reformagenda in der Berliner Koalition bröckeln. Hinzu kommen Europas Abhängigkeit von Energieimporten, Handelskonflikte und Währungsschwankungen. Außerdem sehen wir derzeit massive Probleme in unserem größten Nachbarland: Frankreich-Staatsanleihen mit Rekord-Zins – droht die nächste Eurokrise? Dennoch gibt es für dich als Anleger zweifelsohne auch Chancen in Europa.

Was heißt das für dein Depot?

Prüfe zuerst im extraETF Portfolio Tracker, wie stark dein Depot von den USA abhängt. Allein im MSCI World liegt der US-Anteil bei rund 70 Prozent (mit aktuellem Factsheet abgleichen). Welche Europa-ETFs es gibt und wie sie sich unterscheiden, zeigt unser Europa-ETF-Guide.

Wichtig: Europa ist eine Beimischung, keine Basis. Für den langfristigen Vermögensaufbau bleibt ein global gestreuter Welt-ETF das Fundament. Eine Europa-Übergewichtung macht dich unabhängiger von wenigen US-Konzernen, kann aber hinter dem Weltmarkt zurückbleiben, wenn die US-Dominanz anhält.

Tipp

Welche Welt-ETFs sich als Fundament eignen, zeigt unser aktueller DeepDive zu Welt-ETFs.

DeepDive

Fazit: Zuversicht für Europa steigt

Europa muss die USA nicht einholen, entscheidend ist die Richtung. Reformen, Gewinnwachstum und günstigere Bewertungen sprechen laut DWS und J.P. Morgan AM für die Region. Für Privatanleger ist sie damit ein sinnvoller Baustein, um ein US- und KI-lastiges Depot breiter aufzustellen – nicht mehr und nicht weniger.