27. August 2026
KI-Boom vor dem Rückschlag? Warum selbst Profi-Investoren jetzt nervös werden

Rekordgewinne: Warum starke Quartalsberichte noch keine Rendite versprechen

Rekordgewinne im S&P 500, aber viele Anleger tappen in eine Denkfalle. Warum positive Quartalsberichte allein noch keine Rendite garantieren.

Die Berichtssaison 2026 zeigt sich so stark wie seit 2021 nicht mehr: Laut FactSet hatten Anfang August 88 Prozent der S&P-500-Unternehmen ihre Quartalszahlen vorgelegt, 86 Prozent davon übertrafen die Gewinnerwartungen. Das ausgewiesene Gewinnwachstum lag zu diesem Zeitpunkt bei rund 50 Prozent. Klingt nach einem klaren Kaufsignal für Aktien. Doch genau hier tappen viele Privatanleger in eine Denkfalle, die eine aktuelle Studie jetzt sauber nachweist.

Quartalsberichte: Gute News = gute Rendite?

Forscher aus Frankfurt, Bonn und Köln haben in der Studie „Mental Models of the Stock Market“ fast 30.000 Teilnehmer befragt, wie sie auf positive Unternehmensnachrichten reagieren. Das Ergebnis: 74 Prozent der befragten Privatanleger erwarteten nach guten Zahlen automatisch eine höhere Rendite für die kommenden zwölf Monate – selbst wenn die Nachricht bereits vier Wochen alt und längst öffentlich bekannt war.

Der Denkfehler dahinter hat einen Namen: die Gewinn-Rendite-Verwechslung (im Original „Expected Earnings Reasoning“, kurz EER). Anleger setzen einen höheren erwarteten Unternehmensgewinn direkt mit einer höheren erwarteten Aktienrendite gleich – und blenden dabei aus, was sie heute für die Aktie bezahlen müssen. Bei Fondsmanagern trat dieses Denkmuster mit 35 Prozent deutlich seltener auf, bei Finanzwissenschaftlern nur bei neun Prozent.

Das Problem: Wenn eine gute Nachricht den Kurs bereits nach oben getrieben hat, bekommst du für dasselbe Geld weniger Anteile. Die Studie illustriert das an einem einfachen Beispiel: Bei unveränderten Aussichten bekommst du für 1.000 Euro 16 Aktien zum Kurs von 62,50 Euro. Nach einer positiven Überraschung und gestiegenem Kurs auf 71,40 Euro sind es nur noch 14 Aktien. Der Markt hat die gute Nachricht oft schon eingepreist – ein Prinzip, das als Markteffizienz bekannt ist.

Was das für die aktuelle Berichtssaison bedeutet

Dass diese Unterscheidung gerade jetzt besonders wichtig ist, zeigt der Blick auf die Details der aktuellen Zahlen. Michael Titz, Leiter des Investment Office beim Bankhaus Herzogpark, ordnet die spektakulären Gewinnzahlen in seinem aktuellen Marktbericht kritisch ein: Ein erheblicher Teil des ausgewiesenen Wachstums stamme nicht aus dem operativen Geschäft, sondern aus Bewertungsgewinnen auf Beteiligungen bei Alphabet und Amazon.

Titz beobachtet zudem, dass der Markt selektiver wird: Selbst gute Zahlen reichten im Juli mehrfach nicht mehr aus, um Kurse weiter steigen zu lassen, weil die Erwartungen bereits so hoch eingepreist waren. Sein Fazit bringt die aktuelle Marktstimmung auf den Punkt: „Der Markt verlangt zunehmend Beweise.“

Genau das ist die Gewinn-Rendite-Verwechslung im Großformat: Wer nur auf die Gewinnschlagzeile schaut und den bereits gestiegenen Preis ignoriert, überschätzt systematisch die künftige Rendite. Titz sieht darin allerdings nicht nur ein Risiko, sondern auch eine gesunde Entwicklung: „Ein Markt, der stärker zwischen tatsächlichem wirtschaftlichem Erfolg und bloßen Zukunftserwartungen unterscheidet, schafft bessere Voraussetzungen für weitere Renditen.“

Reicht ein Blick auf den Kurs, um den Fehler zu vermeiden?

Nur teilweise. In einem Experiment der Studie sank die Erwartung einer höheren Rendite von 82 auf 70 Prozent, wenn der gestiegene Kurs explizit genannt wurde. Viele Teilnehmer deuteten den höheren Kurs sogar als Qualitätssignal für weitere Kursgewinne. Erst als die Forscher den Kaufpreis konkret greifbar machten – „1.000 Euro reichen jetzt nur noch für 14 statt 16 Aktien“ –, sank die Erwartungsquote auf 49 Prozent. Erst die plastische Darstellung des tatsächlichen Gegenwerts korrigierte den Denkfehler spürbar.

Darstellung im ExperimentAnteil, der höhere Rendite erwartet
Keine Kursangabe82 %
Gestiegener Kurs explizit genannt70 %
Kaufpreis konkret gemacht ("1.000 € reichen nur noch für 14 statt 16 Aktien")49 %
Quelle: Studie „Mental Models of the Stock Market"

Die Konsequenz für dein Depot

Erfolgreiches Stock-Picking braucht mehr als die Suche nach Unternehmen mit guten Nachrichten – es braucht eine begründete These, warum der Markt die Aussichten unterschätzt. Titz formuliert die eigentliche Herausforderung für Anleger so: „Die entscheidende Frage lautet nicht, ob künstliche Intelligenz ein bedeutender Investitionszyklus bleibt. Viel wichtiger wird, welche vordergründig spannenden Unternehmen daraus dauerhaft attraktive Renditen erwirtschaften können.“

Wer diesen Aufwand nicht für jede einzelne Aktie betreiben möchte, ist mit einem breit gestreuten ETF-Portfolio besser bedient. Das senkt auch das Risiko, gerade nach starken Kursbewegungen einzelner Tech- und KI-Titel unbemerkt ein Klumpenrisiko im eigenen Depot aufzubauen.

Mit dem extraETF Portfolio Tracker behältst du jederzeit den Überblick, wie stark einzelne Positionen – etwa Tech- oder KI-lastige ETFs – bereits dein Gesamtdepot dominieren. Die automatische Portfolioanalyse zeigt dir Klumpenrisiken und Sektorgewichtungen auf einen Blick, sodass du übergroße Gewinnerpositionen rechtzeitig erkennst und dein Depot gezielt rebalancierst – genau die Disziplin, die auch Titz Anlegern nach den Kursschwankungen im Juli empfiehlt.