
Income-ETFs: „Niemand investiert gerne in etwas, das er nicht versteht.”
Aktive ETFs und insbesondere sogenannte Income-Strategien stoßen bei Privatanlegern auf immer größeres Interesse. Wir haben mit Hamilton Reiner, Chief Investment Officer des US Core Equity Teams und Leiter für US-Aktien-Derivate bei J.P. Morgan Asset Management, über dieses Thema gesprochen. Im Interview fragen wir, warum Income-ETFs weltweit boomen, welche Chancen Covered-Call-Strategien bieten und weshalb Europa erst am Anfang dieser Entwicklung steht.
In den USA sind aktive ETFs und insbesondere Optionsstrategien deutlich weiter verbreitet als in Europa. Deutschland hinkt in dieser Hinsicht noch einige Jahre hinterher. Wie schätzen Sie die Entwicklung in Europa und insbesondere Deutschland ein?
Ich glaube, dass sich der europäische Markt sogar schneller entwickeln wird als der US-Markt damals. Der große Vorteil ist, dass Anbieter und Investoren heute bereits sehen können, was in den USA funktioniert hat – und auch, welche Fehler gemacht wurden. Viele Lernprozesse müssen deshalb hier gar nicht mehr durchlaufen werden. Gerade in Deutschland gibt es enormes Potenzial. Anleger suchen zunehmend nach Lösungen, die laufende Erträge liefern und gleichzeitig Schwankungen reduzieren. Genau hier setzen aktive ETF-Strategien an. Europa steht meiner Meinung nach hier noch am Anfang einer größeren Entwicklung.
Aktuell werden Covered-Call- und Income-Strategien stark diskutiert. Viele Privatanleger können mit den technischen Begriffen zunächst jedoch nichts anfangen. Wie wichtig ist Aufklärung bei solchen Produkten?
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt überhaupt. Niemand investiert gerne in etwas, das er nicht versteht. Wenn nur über Optionen, Calls oder komplexe Strategien gesprochen wird, werden viele Anleger sofort abgeschreckt. Deshalb muss der Nutzen viel einfacher erklärt werden. Anleger möchten verstehen, was eine Strategie konkret für ihr Portfolio leisten kann. Wie stabil sind die Erträge? Wie verhält sich die Strategie in schwierigen Marktphasen? Und worauf muss man dafür verzichten? Denn eines ist klar: Es gibt keinen kostenlosen Mehrwert – oder wie die Börsenweisheit so schön heißt: there is nothing like a Free-Lunch. Wer zusätzliche Erträge erzielen möchte, muss in der Regel einen Teil des möglichen Kurspotenzials opfern. Deshalb ist es entscheidend, dass Anleger genau verstehen, welche Rolle eine Strategie im Portfolio spielen kann und welche Erwartungen realistisch sind.
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In Deutschland gibt es bereits seit vielen Jahren strukturierte Produkte, zum Beispiel Discount- oder Bonuszertifikate. Sind aktive ETFs die modernere Version davon?
Teilweise schon, allerdings mit einigen wichtigen Vorteilen. Der größte Unterschied ist aus meiner Sicht die Transparenz. Bei ETFs können Anleger jederzeit die Positionen, die Preisbildung und die genaue Struktur der Strategie einsehen. Hinzu kommt die tägliche Handelbarkeit über die Börse. Viele strukturierte Produkte sind dagegen deutlich komplizierter aufgebaut. Anleger müssen verstehen, wie die Preisstellung funktioniert, welche Risiken der Emittent trägt und wie sich das Produkt in verschiedenen Marktphasen verhält. Ein ETF ist hier wesentlich transparenter und liquider. Deshalb glaube ich, dass aktive ETFs für viele Anleger langfristig die attraktivere und modernere Verpackung für solche Strategien sein werden.
J.P. Morgan AM ist mit Produkten wie JEPI oder JEPQ in den USA extrem erfolgreich. Doch warum funktionieren diese Strategien so gut?
Weil sie genau die Eigenschaften kombinieren, die aktuell von vielen Anlegern gesucht werden: regelmäßige Erträge, geringere Schwankungen und gleichzeitig eine Beteiligung an den Aktienmärkten. Nehmen wir JEPQ als Beispiel: 2022 war ein sehr schwieriges Jahr für Technologieaktien. Der Nasdaq verlor massiv an Wert. JEPQ konnte die Verluste in dieser Phase jedoch deutlich begrenzen und gleichzeitig laufende Ausschüttungen generieren. In den darauffolgenden Jahren konnten Anleger dann wieder an steigenden Märkten partizipieren. Genau dieser Mittelweg zwischen Wachstum und Stabilität macht solche Strategien für viele Investoren attraktiv.
Viele Anleger achten vor allem auf die Höhe der Ausschüttungen. Besteht dabei nicht die Gefahr, dass Risiken unterschätzt werden?
Ja, absolut. Deshalb darf die Ausschüttung niemals das einzige Verkaufsargument sein. Anleger müssen verstehen, woher die Erträge kommen und welche Risiken damit verbunden sind. Wir setzen beispielsweise nicht auf den übermäßigen Einsatz von Hebelprodukten oder unnötig komplexe Finanzkonstruktionen. Unser Ansatz ist es vielmehr, nachvollziehbare Strategien mit klaren Erwartungen anzubieten. Das Schlimmste für Anleger sind böse Überraschungen. Wenn sich ein Produkt plötzlich völlig anders verhält als erwartet, verlieren Anleger schnell das Vertrauen. Deshalb ist Aufklärung so wichtig. Anleger sollten bereits vor ihrer Investition wissen, wie sich eine Strategie in unterschiedlichen Marktphasen entwickeln kann.
Wo sehen Sie aktuell die größten Chancen für solche Strategien?
Europa wird aus meiner Sicht immer interessanter. Viele internationale Investoren erkennen inzwischen strukturelle Verbesserungen, beispielsweise bei der Corporate Governance, der Aktionärsorientierung und den Bewertungen europäischer Unternehmen. In Kombination mit Income-Strategien entsteht so ein attraktives Gesamtpaket für viele Anleger. Auch die Emerging Markets könnten langfristig interessant werden. Viele Anleger möchten dort investiert sein, gleichzeitig aber die hohe Volatilität etwas reduzieren. Genau dafür können solche Strategien eine sinnvolle Ergänzung sein.
Und wo funktionieren solche Strategien eher weniger gut?
Für Anleger, die jede Aufwärtsbewegung des Marktes vollständig mitnehmen möchten, sind sie weniger gut geeignet. Wer das volle Kurspotenzial ausschöpfen möchte, ist mit klassischen Aktieninvestments wahrscheinlich besser beraten. Income- oder Buffer-Strategien zielen dagegen darauf ab, Schwankungen zu reduzieren, Erträge zu stabilisieren und ein Portfolio robuster zu machen. Deshalb sehen wir sie als Ergänzung innerhalb eines Portfolios, nicht als vollständigen Ersatz für Aktien.
Glauben Sie, dass aktive ETFs in Europa ähnlich stark wachsen werden wie in den USA?
Ja, davon bin ich überzeugt. Die Nachfrage nach transparenten, liquiden und verständlichen Lösungen wächst kontinuierlich. Gleichzeitig sind viele Anleger auf der Suche nach Strategien, die sich zwischen klassischen Aktieninvestments und festverzinslichen Anlagen bewegen. Genau hier sind aktive ETFs mit Optionsstrategien aktuell sehr gut positioniert. Deshalb glaube ich, dass Europa in diesem Bereich erst am Anfang einer größeren Entwicklung steht. Die nächsten Jahre dürften für diesen Markt ausgesprochen spannend werden.
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