Europäische Aktien sind zurück: Macht Trump Europa great again?
Der Gegenwind der Vorjahre wird jetzt zum Rückenwind für die Börsen in Europa. Das spricht derzeit für europäische Titel.
Es ist noch nicht lange her als galt: In den USA spielt die Musik und Europa ist ein Auslaufmodell. Doch der Wind hat sich gedreht. Seit Jahresbeginn erlebt Europa ein Comeback: Von Januar bis Mitte März stieg der MSCI Europa um zwölf Prozent, während US-Aktien, die bisherigen Börsen-Favoriten, fünf Prozent einbüßten. Das klingt merkwürdig, zumal bei der Wiederwahl Donald Trumps zum US-Präsidenten die Euphorie enorm war – frei nach dem Motto „Make America Great Again“ (MAGA). Die protektionistische US-Handelspolitik verbunden mit Steuersenkungen schienen den Weg freizumachen für weitere Höchststände US-amerikanischer Aktienindizes. Doch es kam anders. Trotz des jüngsten Rücksetzers laufen europäische Aktien in diesem Jahr weit besser als US-amerikanische.
Europa nur ein Strohfeuer?
Die große Frage lautet nun, wie nachhaltig das Comeback europäischer Titel ist. Macht Trump vielleicht sogar Trump Europa „great again“ (MEGA)? Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, sieht die meisten europäischen Aktien und Sektoren weiterhin mit einem deutlichen Abschlag, und somit Aufholpotenzial gegenüber US-Titeln. „Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Folgen der MAGA-Politik Europa zu Reformen drängen, die ein besseres zukünftiges Wachstumsumfeld erwarten lassen. In diesem Fall wäre die jüngste Outperformance europäischer Aktien erst ein Anfang – und aus MAGA könnte MEGA werden“, unterstreicht Galler. Daneben sollten man nicht die Ankündigungen aus Europa vergessen, höherer Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben tätigen zu wollen.
Dank Haushaltskonsolidierung mehr Fiskalspielraum in der Eurozone
Laut Ökonom Galler hatte die relative Schwäche des europäischen Aktienmarktes in den vergangenen 15 Jahren verschiedene Ursachen. Neben makroökonomischen Faktoren und einer ungünstigen Sektorzusammensetzung – statt „New Economy“ hat die Finanzindustrie weiterhin einen großen Anteil am europäischen Aktienmarkt – lag dies auch an strukturellen Themen wie schwacher Demographie und mangelnder Wettbewerbsfähigkeit aufgrund des fragmentierten Wirtschaftsraums.
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„Was in der Diskussion zudem gern übersehen wird: Europa hat in den Jahren nach der Eurokrise den Gürtel in der Haushaltspolitik enger geschnallt als beispielsweise die USA, die in den letzten zehn Jahren ihre Wirtschaft mit Geld in Form von Subventionen, Steuersenkungen für Unternehmen und Schecks für die Haushalte überhäuften“, erklärt Kapitalmarktexperte Galler. Infolgedessen sei die US-Staatsverschuldung in Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 27 Prozent des BIP gestiegen. Im Gegensatz dazu sank die Staatsverschuldung in der Eurozone um 3 Prozent des BIP.
Moderatere Regulierung sowie veränderte Finanzpolitik in Europa
Auch sollte man nach Gallers Einschätzung den unterschiedlichen Regulierungsfokus berücksichtigen. In den vergangenen Jahren seien die Vorschriften zur Bekämpfung des Klimawandels in der EU massiv angestiegen, um Unternehmen zu breiteren Netto-Null-Zielen zu bewegen. Der EU-CO2-Preis liegt aktuell bei 70 US-Dollar pro Tonne gegenüber 14 US-Dollar in China. Die USA hingegen haben erst gar keinen CO2-Preis festgelegt. Das sei insbesondere für energieintensive europäische Unternehmen im internationalen Vergleich ein erheblicher Wettbewerbsnachteil. Doch inzwischen beginne man in Brüssel zu erkennen, dass Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels, wenn sie nicht mit den wichtigsten Wettbewerbern abgestimmt werden, der heimischen Industrie enorm schaden und ein großes Problem für Industrienationen wie Deutschland darstellen. In dem Zuge solle die Automobilindustrie nun mehr Zeit für die Einhaltung der CO2-Grenzwerte bekommen und das EU-Lieferkettengesetz entschärft werden.
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Nicht zuletzt beginnt sich die Finanzpolitik in Europa zu ändern: „Aufgrund der kontroversen Haltung von Präsident Trump rückt Europa zusammen und hat weitreichende Maßnahmen beschlossen. Um den neuen politischen Herausforderungen gerecht zu werden, wird die Finanzpolitik gelockert. Dass etwa in Deutschland der Verschuldungsspielraum erhöht wurde und staatliche Investitionen hochgefahren werden, ist eine signifikante Abkehr von der bisherigen Spar- und Konsolidierungspolitik“, betont Galler.
Hoher Erwartungsdruck bei US-Technologie – Europa weiterhin mit Bewertungsabschlag
Der vermeintliche Nachteil, dass es in Europa einen Mangel an global führenden Unternehmen der New Economy gibt, fällt in der aktuellen Phase nicht mehr so stark ins Gewicht: „Einige wenige US-Player profitierten zuletzt massiv vom Hype um die künstliche Intelligenz. Es sind im Prinzip die Unternehmen, die die amerikanische Dekade an den Aktienmärkten geprägt haben“, sagt Galler.
Stattdessen ist am europäischen Aktienmarkt das Gewicht der Finanztitel weiterhin sehr hoch. Nach dem Doppelschlag der Finanz- und Eurokrise hatte dieser Sektor erheblichen Sanierungsbedarf und litt zudem unter der Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Doch der Wind hat sich inzwischen gedreht. Steigende Zinsmargen und fallende Kreditrisiken geben dem lange Zeit verschmähten Sektor kräftigen Rückenwind.
„Die letzte signifikante Phase der europäischen Outperformance fiel mit dem schmerzhaften Platzen der US-Technologieblase in den frühen 2000er Jahren zusammen. Dieses Mal hat der Hype allerdings eine solidere Basis und die Gruppe der sogenannten Glorreichen Sieben erzielt enorme Gewinne und verfügt über beträchtliche Reserven. Aber sie befinden sich in einer schwierigen Phase, den hohen Erwartungen und Bewertungen gerecht zu werden“, erklärt Galler. Trotz der jüngsten erfreulichen Entwicklung europäischer Aktien werden die meisten Sektoren und Aktien weiterhin mit einem starken Abschlag gegenüber US-Titeln gehandelt. Dies gibt nach Meinung Gallers europäischen Aktien weiteres Aufholpotential.
Zölle könnten sich als Problem für Autobauer erweisen
Doch ein dickes Fragezeichen bleibt: Die Auswirkungen der Zölle. „Es war eigentlich schwer vorstellbar, aber US-Präsident Donald Trump und seine Administration haben am Mittwochabend im globalen Handelskrieg wirklich den Vorschlaghammer ausgepackt. Nachdem sich ab Mitte/Ende Februar bereits eine Reihe von Importzöllen abzeichneten, stellte Donald Trump am Mittwochabend im Rose Garden des Weißen Hauses während seiner Rede zum „Liberation Day“ eine detaillierte Liste vor, wobei nicht alle Handelspartner der USA gleichermaßen betroffen sind“, sagt Jens Klatt, Analyst beim Online-Broker XTB.
Die Höhe der Importzölle ist abhängig vom Umstand, ob die USA mit dem jeweiligen Handelspartner ein Handelsbilanzdefizit oder -überschuss haben. „Importieren die USA mehr Güter aus einem Land als sie in dieses exportieren (z.B. China oder Europa), dann teilt die Trump-Administration dieses durch die Exporte dieses Landes und nennt das schlichtweg Zölle inklusive Währungsmanipulation und Handelshemmnisse“, so Klatt. Gerade deutsche Autobauer sind negativ von Zöllen in Höhe von 25 Prozent betroffen.