
Kommentar: Einzelaktien sind kein Investmentkonzept, sondern ein Glücksspiel
Warum Einzelaktien für die meisten Anleger mehr Risiko als Rendite bedeuten – und weshalb breite Diversifikation langfristig die bessere Strategie ist.
Könntest du die Zeit zurückdrehen, würdest du sicher die Aktien kaufen, die sich verzehn- oder verhundertfacht haben. Wer hätte nicht gerne in den 1980er-Jahren bereits Microsoft im Depot gehabt oder vor sechs Jahren Tesla-Aktien erworben? Von solchen Renditen können ETF-Anleger nur träumen. Doch da wir leider nicht über die Zeitmaschine aus dem Film „Zurück in die Zukunft“ verfügen, wissen wir nicht, welche Aktie in den kommenden zehn Jahren die nächste Microsoft oder Tesla sein wird.
Mit Einzelaktien zum Erfolg?
Die Vorstellung, durch kluge Auswahl von Einzelaktien den Markt zu schlagen, ist so alt wie der Aktienmarkt selbst und ebenso hartnäckig wie empirisch widerlegt. Und der Erfolg der wenigen Profis, die über längere Zeiträume eine nach Kosten und Steuern signifikante Überrendite gegenüber der richtigen Benchmark erzielen, lässt sich – so traurig er klingt – leider nur durch Glück erklären. Für Privatanleger sieht die Bilanz ohnehin ernüchternder aus. Im Kommentar für die extraETF-Leser beleuchtet Daniel Kanzler, Prokurist und Leiter der Abteilung Investitionen bei Gerd Kommer Invest, ob Einzelaktien für Privatanleger sinnvoll sind. Hier der Kommentar:
Je nach Studie sind gerade einmal rund fünf Prozent aller börsennotierten Unternehmen weltweit für die höhere Gesamtrendite des Aktienmarktes gegenüber Geldmarktanlagen verantwortlich. Die Mehrheit der Aktien erzielt langfristig sogar eine schlechtere Rendite als die Sparbuchrendite – oder verschwindet ganz vom Markt. Bei einem Portfolio, das sich also auf wenige Aktien konzentriert ist die Wahrscheinlichkeit bereits hoch, dass man keine Gewinneraktie getroffen hat und somit der Aktienkorb unterperformt. Einzelaktieninvestoren setzen damit auf ein Spiel, das extrem asymmetrisch ist: Die wenigen „Gewinner“ muss man erst einmal identifizieren – und dann auch durchhalten, wenn es zwischenzeitlich 30, 50 oder 70 Prozent abwärtsgeht. Die meisten schaffen das nicht. Sie steigen zu spät ein, verkaufen zu früh, gewichten emotional und handeln zu viel. Die Folge: Unterperformance im Vergleich zu passiven Strategien.
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Wer in Einzelaktien investiert, trägt unnötige Klumpenrisiken. Selbst bei 10 oder 20 Aktien im Depot bleibt ein großer Teil des unsystematischen Risikos bestehen – also jener Risiken, die durch einfache Diversifikation vermeidbar wären. Genau das aber ist das wohl einzige „Free Lunch“ der Kapitalmärkte: das Reduzieren von Risiko ohne Renditeverzicht.
Im Gegensatz dazu bieten Indexfonds eine regelbasierte, kostengünstige und weit diversifizierte Beteiligung an Tausenden Unternehmen weltweit. Wer in einen globalen Aktienindex einschließlich Schwellenländern und Small Caps investiert, beteiligt sich an über 5.000 Unternehmen. Diese Streuung schützt nicht nur vor Einzelfallrisiken, sondern sorgt auch dafür, alle Gewinner von morgen im Portfolio zu haben.
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Natürlich ist das Investieren in Einzelaktien spannender. Es gibt ein emotionales Hochgefühl, wenn eine eigene Auswahl „durch die Decke geht“. Aber genau darin liegt das Problem: Wir verwechseln Unterhaltung mit Strategie. Börsenerfolg ist kein Belohnungssystem für Fleiß oder Intelligenz, sondern für Disziplin und Systematik. Wer langfristig erfolgreich investieren will, braucht keinen Nervenkitzel, sondern einen kühlen Kopf.
Wer behauptet, mit Einzelaktien bessere Renditen erzielen zu können, stellt eine steile These auf und muss sie auch belegen können. Die meisten schaffen das nicht. Und selbst wer es eine Zeit lang schafft, lebt unter einer permanenten Belastung: Ist meine Strategie noch aktuell? Habe ich den richtigen Zeitpunkt erwischt oder verpasst? ETFs hingegen sind wartungsarm: Ein Weltportfolio lässt sich mit wenigen Produkten abbilden und mit einem simplen Rebalancing einmal pro Jahr auf Kurs halten. Die gewonnene Zeit ist nicht nur ökonomisch wertvoll, sondern auch emotional entlastend.
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Fazit: Einzelaktien braucht es nicht – zumindest nicht für den rationalen, langfristig orientierten Vermögensaufbau. Wer dennoch nicht ganz darauf verzichten will, kann sie als kleine Spielwiese betrachten – aber nie als Fundament.