Tobias Mende (Finanzfisch): So erzielen Sie passives Einkommen
Für die meisten Bürger sieht der Alltag so aus: Sie stehen morgens auf und machen sich auf den Weg zur Arbeit, schließlich verdienen sie auf diese Weise Geld. Damit generieren sie ein aktives Einkommen. Das Gegenteil dazu ist passives Einkommen. Tobias Mende, Betreiber des Finanzbloggs Finanzfisch, zeigt welche Möglichkeiten es gibt.
Herr Mende, was verstehen Sie unter einem passiven Einkommen?
Unter passivem Einkommen verstehe ich Einkommen, das man unabhängig davon erhält, ob man arbeitet oder nicht. Anders ausgedrückt: Ich tausche nicht mehr, wie beim aktiven Einkommen, Zeit gegen Geld, sondern entkopple meine Arbeitszeit von meinem Einkommen.
Welche Möglichkeiten haben Verbraucher realistischerweise, um passives Einkommen zu erzielen?
Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich ein passives Einkommen aufzubauen. Allerdings sollte man nicht verschweigen, dass alle Wege mit Arbeit verbunden sind.
Der einfachste Weg ist vermutlich, einen Teil seines aktiven Einkommens zu sparen und dann gewinnbringend zu investieren. Hier bieten sich Aktien oder Aktien-ETFs, aber auch vermietete Immobilien an. Bei einer Immobilie erhält man jeden Monat eine Miete und sofern nach Abzug der Nebenkosten und der Tilgung für einen etwaigen Immobilienkredit noch etwas übrig bleibt, ist dies echtes passives Einkommen.
Wer mit kleinen Beträgen anfängt, sollte sich Aktien-ETFs einmal näher ansehen. Mit diesem günstigen Finanzprodukt haben Privatanleger bereits ab einer Investition von 25 Euro im Monat die Möglichkeit, weltweit diversifiziert anzulegen. So baut man sich langfristig durch Sparen und Investieren ein Vermögen auf, aus dem sich durch verschiedene Entnahmestrategien ein passives Einkommen generieren lässt.
Der Nachteil an diesen Wegen ist, dass erstmal das notwendige Kapital für die Investition aufgebracht werden muss. Je höher der Kapitaleinsatz, desto höher ist in der Regel am Ende das mögliche passive Einkommen.
Aber natürlich gibt es noch ganz andere Möglichkeiten: Die Entwicklung einer Software, das Schreiben eines Buches, die Erstellung eines Onlinekurses oder die Gründung eines Unternehmens sind nur einige alternative Wege, um sich ein passives Einkommen aufzubauen.
Kommen wir zum ETF-Aspekt. Sind Dividenden-ETFs ein solches passives Einkommen?
Dividenden-ETFs, also ETFs die auf ausschüttungsstarke Unternehmen setzen, können durchaus als passive Einkommensquelle dienen.
ETFs im Allgemeinen sind aus meiner Sicht ein sehr gutes Beispiel für eine passive Einkommensquelle, da man mit ihnen ohne viel Aufwand eine hohe Diversifikation erreichen kann, die Depotpflege in der Regel deutlich einfacher ist, als bei Einzelaktien und man durch die Ausschüttungen (bei ausschüttenden ETFs) ganz automatisch eine regelmäßige Zahlung auf das Verrechnungskonto erhält.
Allerdings gilt für Dividenden-ETFs, wie für Einzelaktien auch, dass eine hohe Dividendenrendite alleine noch kein Qualitätsmerkmal ist.
Was sollten Dividenden-Freunde bei der Auswahl beachten?
Natürlich ist es verlockend, den ETFs auszuwählen, bei dem das Verhältnis zwischen Kaufkurs und Dividende, also die Dividendenrendite, am höchsten ist. Allerdings ist beispielsweise die Total Expense Ratio (TER) genau so wichtig. Sie gibt an, wieviel der ETF pro Jahr kostet.
Darüber hinaus gelten auch für Dividenden-ETFs die gleichen Kriterien wie für „normale“ ETFs. Wichtig ist eine breite Streuung, also die Auswahl eines Indizes, der viele Unternehmen enthält. Damit schwankt der ETF weniger und die Entwicklung einzelner Unternehmen kann das Gesamtergebnis nicht so stark beeinflussen.
Auch ist es sinnvoll, auf einen ETF mit einem hohen Fondsvolumen und einer gewissen Historie zu setzen. Hier ist es unwahrscheinlicher, dass das Produkt im Laufe der Zeit wieder eingestellt wird.
Zudem sollten sich Anleger den zugrunde liegenden Index genau ansehen. Denn schließlich ist die Dividendenrendite immer dann besonders hoch, wenn der Kurs gerade sehr niedrig und die Ausschüttung (noch) sehr hoch ist. Bei Unternehmen ist das oft dann der Fall, wenn sie gerade in einer Krise stecken. Ein Dividenden-ETF, dessen Index die Unternehmen nach ihrer Dividendenrendite auswählt, begünstigt damit möglicherweise die Investition in Problem-Unternehmen, die kurz nach der Aufnahme in den Index ihre Dividendenzahlung einstellen müssen.
Wie sind thesaurierende und ausschüttende ETFs zu beurteilen?
Steuerlich gibt es seit 2018 fast keinen Unterschied mehr zwischen ausschüttenden und thesaurierenden ETFs. Wer aber regelmäßige Zahlungen ohne eigenes Zutun erhalten möchte, ist natürlich mit ausschüttenden ETFs besser bedient.
Bei thesaurierenden ETFs muss man sich hingegen selber regelmäßig eine bestimmte Summe auszahlen. Allerdings haben thesaurierende ETFs gerade in der Aufbauphase den Vorteil, dass man sich nicht um die Reinvestition der Ausschüttung kümmern muss, da diese ETF-intern passiert.
Welches Vermögen ist nötig, um davon leben zu können?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, da das notwendige Vermögen von den eigenen Ausgaben abhängt. Auch spielt es eine Rolle, ob man das Vermögen bis zum Lebensende aufbrauchen möchte oder den Kapitalstock vollständig erhalten will.
Außerdem ist auch die Vermögensallokation entscheidend. Wer sein Geld auf dem Tagesgeldkonto hortet braucht natürlich wesentlich mehr Vermögen als jemand, der sein Geld in Aktien oder Aktien-ETFs investiert und damit in der Vergangenheit mit durchschnittlich sieben Prozent Rendite im Jahr rechnen konnte.
Als Faustregel für ETF-Investoren kann aber die Vier-Prozent-Regel dienen. Diese besagt, dass man vier Prozent seines Vermögens jährlich ausgeben kann, ohne dieses aufzubrauchen. Anders ausgedrückt: Wenn man das 25-fache seiner Jahresausgaben an der Börse investiert hat, kann man wahrscheinlich davon leben, ohne den Kapitalstock anzugreifen. Man lebt dann nur noch von den jährlichen Zinserträgen und Dividendenausschüttungen.
Allerdings ist das nur eine grobe Faustregel deren Zutreffen sehr von der Marktentwicklung und dem Zeitraum, indem man davon leben möchte, abhängig ist.
Wer alleine von den Dividenden leben möchte, hat es, jedenfalls bei der Rechnung, einfacher. Hier muss man sich nur ausrechnen, bei welchem Vermögen die durchschnittliche Dividendenausschüttung des Depots die jährlichen Ausgaben überschreitet. Also Depotwert mal Dividendenrendite minus Steuern größer oder gleich jährliche Ausgaben. Bei breiter Diversifikation ist davon auszugehen, dass die durchschnittliche Dividendenrendite weniger schwankt als der Kurs und somit die Planbarkeit höher ist.
Wie sollten Verbraucher beim Aufbau dieses Vermögens vorgehen?
Grundsätzlich ist es wichtig, sich erst mal zu informieren, welche Möglichkeiten es gibt. Die obige Aufzählung ist nämlich noch lange nicht vollständig. Außerdem muss man sich Gedanken machen, was zu einem passt.
Wer mit der Investition in ETFs liebäugelt, sollte klein Anfangen. An der Börse gibt es mitunter heftige Schwankungen, so dass das Depot auch mal zehn, 20 oder gar 50 Prozent im Minus sein kann. Das muss man aushalten können, um langfristig zu profitieren. Daher ist es sinnvoll, die Schwankungen erst mal mit kleinen Beträgen auszuprobieren, um sich an das Auf und Ab der Börse zu gewöhnen. Außerdem sollte man nur Geld investieren, das man für mindestens zehn, besser 15 Jahre nicht braucht.
Läuft die ETF-Investition erst einmal, geht es nur noch darum, die monatliche Investitionssumme zu maximieren, so dass sie zu den eigenen Zielen passt. Das geht entweder durch Konsumverzicht oder durch die Erhöhung des Einkommens. Wer eine Gehaltserhöhung beispielsweise nicht eins zu eins in höhere Ausgaben umsetzt, hat es sehr leicht, langfristig mehr zu sparen und zu investieren.
Abgesehen davon ist es aber sehr individuell, wie man beim Vermögensaufbau konkret vorgehen sollte, da dies von vielen persönlichen Faktoren abhängig ist: Zielvermögen, Risikobereitschaft, Zeitrahmen, Erfahrung, Möglichkeiten und persönliche Vorlieben sind nur einige Faktoren.
Daher ist es aus meiner Sicht unabdingbar, sich selber mit der Thematik zu beschäftigen und ein eigenes Gefühl für die persönlichen Wünsche, Bedürfnisse und Optionen zu entwickeln.
Lesetipp: In der Extra-Magazin-Ausgabe April/Mai 2019 erfahren Sie einige konkrete Anregungen, wie sie ein passives Einkommen erzielen können.