27. April 2026
Christian Machts, Leiter Deutschland und Österreich bei Franklin Templeton

„ETFs sind Mainstream – aber viele Anleger wissen nicht, was sie tun“

ETFs sind im Mainstream angekommen – doch vielen Anlegern fehlt die nötige Orientierung. Christian Machts, Leiter Deutschland und Österreich bei Franklin Templeton erklärt, warum Wissen oft nicht in Handeln mündet und wo die größten Hürden liegen.

Ihre Studie zeigt: ETFs sind Mainstream, aber das Wissen ist „ungenügend“. Ist der ETF-Erfolg in Deutschland also auf wackeligem Fundament gebaut?

Nein, eher auf einem unvollständigen Fundament. Unsere Studie zeigt nicht, dass ETFs in Deutschland ein kurzfristiger Hype sind, sondern dass sie längst im Mainstream angekommen sind. Das Problem ist weniger die Akzeptanz als die Anwendungskompetenz: Viele kennen ETFs, aber deutlich weniger fühlen sich wirklich sicher im Umgang damit. Das ist kein Zeichen von Schwäche des Produkts, sondern ein Hinweis darauf, dass der Markt in eine neue Phase eintritt: von der Verbreitung zur tatsächlichen Befähigung der Anleger.

Viele würden investieren, tun es aber nicht. Haben Sie Hinweise, ob hier eher Angst, Bequemlichkeit oder fehlende Orientierung das Hauptproblem ist?

Unsere Ergebnisse sprechen am ehesten für fehlende Orientierung. Das Interesse ist da, aber zwischen „ETFs klingen sinnvoll“ und „ich setze das jetzt konkret um“ liegt für viele noch eine Hürde. Diese Hürde besteht oft aus ganz praktischen Fragen: Welcher ETF passt zu mir, wie viele brauche ich überhaupt, wann ist ein guter Einstieg, und wie vermeide ich Fehler? Das ist weniger eine Frage von Bequemlichkeit als von fehlender Sicherheit im Entscheidungsprozess.

Trägt die Finanzindustrie Mitschuld daran, dass sich so viele Anleger schlecht informiert fühlen – trotz jahrelangem ETF-Boom?

Ja, zumindest ein Stück weit. Die Branche hat ETFs sehr erfolgreich als einfache und kosteneffiziente Lösung positioniert, aber aus Anlegersicht ist „einfach“ oft nur die Grundidee. Sobald es um Auswahl, Portfolioaufbau oder Risikoeinschätzung geht, wird es schnell komplex. Wenn Anleger sich trotz ETF-Boom schlecht informiert fühlen, dann ist das auch ein Signal an die Industrie, stärker in verständliche Einordnung, Orientierung und echte Finanzbildung zu investieren, statt nur Produktvorteile zu kommunizieren.

42 Prozent fühlen sich von der ETF-Auswahl erschlagen. Ist die zunehmende Produktvielfalt aus Ihrer Sicht eher Teil des Problems als der Lösung?

Für erfahrene Anleger ist Vielfalt ein Vorteil, für viele Einsteiger zunächst eher eine Überforderung. Mehr Auswahl ist nicht per se schlecht, aber sie hilft nur dann, wenn Anleger sie einordnen können. Ohne Orientierung führt Produktvielfalt schnell zu Entscheidungsblockaden. Insofern ist die Vielfalt nicht das eigentliche Problem, wohl aber die fehlende Übersetzung dieser Vielfalt in einfache, nachvollziehbare Anlagelösungen.

Tipp: Mit unserem DeepDive wollen wir dir helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen.

Fast die Hälfte erwartet Wachstum in Schwellenländern, investiert aber kaum dort. Ist das ein klassischer Fall von „Wissen ohne Konsequenz“?

Ja, das kann man so sehen. Viele Anleger haben durchaus ein Gefühl dafür, wo langfristig Wachstum entstehen könnte. Aber aus einer Markterwartung wird noch nicht automatisch eine Portfolioentscheidung. Gerade Schwellenländer stehen für Chancen, aber eben auch für wahrgenommenes Risiko, höhere Volatilität und mehr Komplexität. Das führt dazu, dass Anleger eine positive Meinung haben, diese aber nicht konsequent in Handeln übersetzen. Genau darin zeigt sich die Lücke zwischen Interesse und Umsetzung.

Männer, Jüngere und Besserverdiener schätzen ihr Wissen deutlich höher ein. Spiegelt das reale Wissensunterschiede – oder eher unterschiedliche Selbstwahrnehmung?

Wahrscheinlich beides. Ein Teil davon dürfte auf reale Unterschiede in Zugang, Erfahrung und Beschäftigung mit Kapitalmarkt-Themen zurückgehen. Gleichzeitig wissen wir aus vielen Bereichen der Finanzbildung, dass Selbstwahrnehmung und tatsächliches Wissen nicht deckungsgleich sein müssen. Wer sich sicherer fühlt, investiert oft eher. Deshalb sollte man aus höherer Selbsteinschätzung nicht automatisch auf ein entsprechend höheres tatsächliches Wissensniveau schließen.

Nur ein Drittel kennt aktiv gemanagte ETFs. Ist das ein Kommunikationsproblem – oder fehlt diesen Produkten schlicht die Relevanz für Privatanleger?

Aus unserer Sicht ist es derzeit vor allem ein Kommunikations- und Einordnungsproblem. Aktive ETFs sind für viele Privatanleger noch kein klar umrissenes Segment. Dabei kann die Struktur durchaus relevant sein, gerade wenn Anleger die Transparenz und Handelbarkeit eines ETFs mit aktivem Management verbinden wollen. Entscheidend ist aber, dass der Nutzen konkret erklärt wird: Für wen ist ein aktiver ETF sinnvoll, in welchem Marktsegment und mit welchem Ziel? Franklin Templeton beschreibt aktive ETFs selbst als Verbindung von aktivem Management mit Transparenz, Effizienz und Flexibilität der ETF-Struktur.

Tipp: Aktives Management ist derzeit herausgefordert, gut durch geopolitische Krisen zu navigieren. Schau dir also gleich unseren Guide zu aktiven ETFs an.

Viele sehen ETFs als Schlüssel für die Rente, setzen es aber nicht um. Droht hier eine neue Versorgungslücke, weil Erkenntnis und Handeln auseinanderklaffen?

Ja, diese Gefahr ist real. Wenn Menschen zwar erkennen, dass kapitalmarktbasierte Vorsorge wichtig ist, aber nicht ins Handeln kommen, dann entsteht genau dort eine Lücke. Das Problem ist nicht fehlende Einsicht, sondern fehlende Umsetzung. Deshalb wird es in Zukunft noch stärker darauf ankommen, den Schritt vom abstrakten Vorsorgewissen zur konkreten Sparroutine zu erleichtern. Wer Altersvorsorge als richtig erkennt, aber den Einstieg immer weiter verschiebt, verliert vor allem Zeit und damit einen zentralen Renditetreiber.

Tipp: Zum Thema Altersvorsorge solltest du unbedingt die aktuellen Pläne zum Altersvorsorgedepot kennen.