20. Juli 2026
Julian Hötzel, Senior Business Development Manager bei Bitvavo

„Die Bedrohung von Bitcoin durch Quantencomputer ist real, aber nicht akut"

Können Quantencomputer bald Bitcoin knacken? Antworten von Julian Hötzel, Senior-Manager für die Geschäftsentwicklung bei Bitvavo.

Herr Hötzel, wie realistisch ist die Gefahr, dass Quantencomputer Bitcoin bedrohen?

Real, aber nicht akut. Um das einzuordnen: Bitcoin basiert auf sogenannter Public-Key-Kryptografie. Jeder Nutzer hat ein Schlüsselpaar – einen öffentlichen Schlüssel, vergleichbar mit einer Kontonummer, und einen privaten Schlüssel, der wie eine Unterschrift funktioniert. Die Sicherheit beruht darauf, dass man aus dem öffentlichen Schlüssel den privaten mit heutigen Computern praktisch nicht berechnen kann – das würde Milliarden Jahre dauern.

Ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer könnte genau diese Berechnung mit dem sogenannten Shor-Algorithmus – einem bereits 1994 entwickelten mathematischen Verfahren – in überschaubarer Zeit lösen. Die entscheidende Einschränkung: Einen solchen Rechner gibt es nicht. Heute kann keine Maschine der Welt Bitcoins Verschlüsselung brechen, nicht annähernd. Aber die Entwicklung beschleunigt sich, und deshalb hat die Bitcoin-Entwicklergemeinde 2026 begonnen, konkret vorzusorgen.

Wie weit ist die Entwicklung von Quantencomputern tatsächlich?

Wir verlassen gerade die reine Laborphase. Klassische Computer rechnen mit Bits – null oder eins. Quantencomputer nutzen Qubits, die dank Quantenmechanik beide Zustände gleichzeitig annehmen können. Das macht sie bei bestimmten Problemen exponentiell schneller.

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Der Haken: Qubits sind extrem störanfällig. Kleinste Temperaturschwankungen oder Vibrationen zerstören die Berechnung. Deshalb ist die relevante Kennzahl nicht die Anzahl physischer Qubits – davon gibt es inzwischen über tausend pro System – sondern die Anzahl sogenannter logischer Qubits: fehlerkorrigierte, stabile Recheneinheiten, für die man jeweils Hunderte bis Tausende physische Qubits zusammenschalten muss. Davon existieren heute erst eine Handvoll. Für einen Angriff auf Bitcoin bräuchte man Tausende logische, also Millionen physische Qubits. Das deutsche BSI – die Bundesbehörde für IT-Sicherheit – rechnet mit zehn bis fünfzehn Jahren bis zu einem kryptografisch relevanten Quantencomputer.

Sind Schlagzeilen wie „Quantencomputer knacken Bitcoin in wenigen Minuten“ gerechtfertigt?

Nein. Solche Schlagzeilen beschreiben die theoretische Rechenzeit einer Maschine, die es noch nicht gibt – das ist ungefähr so, als würde man 1950 titeln: „Rakete fliegt in drei Tagen zum Mars.“ Die Aussage über die Flugzeit mag stimmen, die Rakete fehlt. Was an der Sorge legitim ist: das Prinzip „Harvest now, decrypt later“ – Angreifer sammeln heute verschlüsselte Daten, um sie in zehn Jahren zu entschlüsseln. Für Banken und Regierungskommunikation ist das ein reales Problem. Für Bitcoin ist es weniger relevant, weil dort keine geheimen Daten übertragen werden, sondern Signaturen im Moment der Transaktion zählen.

Wie könnte sich das Bitcoin-Netzwerk schützen?

Der Prozess läuft bereits. Änderungen am Bitcoin-Protokoll werden über sogenannte BIPs eingebracht – Bitcoin Improvement Proposals, formale Verbesserungsvorschläge, über die die offene Entwicklergemeinde diskutiert. Im Februar 2026 wurde BIP-360 in das offizielle Verzeichnis aufgenommen: ein neuer, quantenresistenter Adresstyp. Er nutzt Post-Quanten-Kryptografie – Verschlüsselungsverfahren, die auf mathematischen Problemen beruhen, an denen auch Quantencomputer scheitern. Die US-Standardisierungsbehörde NIST hat solche Verfahren bereits 2024 standardisiert.

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Der deutlich kontroversere Folgevorschlag BIP-361 adressiert das Altlasten-Problem: Rund 6,5 Millionen Bitcoin – etwa ein Drittel des gesamten Bestands, über 700 Milliarden Dollar – liegen in alten, verwundbaren Adressformaten. Der Vorschlag sieht vor, diese Coins innerhalb einer Frist auf sichere Adressen zu migrieren. Wer nicht migriert, dessen Coins würden eingefroren – darunter mutmaßlich die 1,1 Millionen Bitcoin des Gründers Satoshi Nakamoto.

Welche Auswirkungen hätte ein Durchbruch auf den Kryptomarkt?

Das hängt vom Szenario ab. Der wahrscheinliche Fall ist ein angekündigter Durchbruch – Quantenfortschritt passiert öffentlich, in Fachpublikationen und Unternehmens-Roadmaps. Das brächte Volatilität, aber Zeit zur Anpassung. Ein Überraschungsangriff wäre ein massiver Vertrauensschaden – würde aber nicht nur Krypto treffen: Dieselbe Kryptografie sichert Online-Banking, E-Mail-Verschlüsselung und staatliche Kommunikation. Die G7 hat im Januar 2026 nicht ohne Grund eine Roadmap zur Umstellung des Finanzsektors auf Post-Quanten-Kryptografie verabschiedet. Die Krypto-Industrie ist bei diesem Thema eher Vorreiter als Nachzügler.

Sollten sich Bitcoin-Anleger heute damit beschäftigen?

Informiert bleiben ja, Panik nein. Ein technisches Detail ist dabei relevant: Der öffentliche Schlüssel einer Adresse wird erst sichtbar, wenn von ihr Coins ausgegeben werden. Wer jede Adresse nur einmal nutzt – was moderne Wallets, also die Verwaltungssoftware für Kryptowährungen, automatisch tun – ist strukturell deutlich besser geschützt als jemand, der seit Jahren dieselbe Adresse wiederverwendet. Konkret heißt das: moderne Adressformate nutzen, Adressen nicht wiederverwenden, die Protokoll-Entwicklung verfolgen.

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Würde Bitcoin dauerhaft an Bedeutung verlieren oder wäre eine Anpassung möglich?

Anpassung ist das klar wahrscheinlichere Szenario. Bitcoin hat mit den Upgrades SegWit 2017 und Taproot 2021 bewiesen, dass sich das Netzwerk per Soft Fork weiterentwickeln kann – also durch abwärtskompatible Regeländerungen, die keine Spaltung des Netzwerks erfordern. Die eigentliche Herausforderung ist nicht technisch, sondern philosophisch: Was passiert mit verlorenen Coins in verwundbaren Adressen? Friert man sie ein – ein Eingriff in Eigentumsrechte, der Bitcoins Grundprinzip widerspricht? Oder überlässt man sie dem Erstbesten mit Quantencomputer? Wenn die Community diese Governance-Frage löst, geht Bitcoin gestärkt daraus hervor. Das größere Risiko ist nicht die Quantenhardware – es ist ein Scheitern der Koordination.