Adrian Fritz, Chef-Anlagestratege bei 21Shares

„Bitcoin wird aktuell von struktureller Nachfrage getragen – nicht vom Umfeld“

Trotz Gegenwind bleibt Bitcoin stabil: Getrieben von struktureller Nachfrage und institutionellen Zuflüssen. Adrian Fritz, Chef-Anlagestratege bei 21Shares im Interview.

Bitcoin hat zuletzt trotz geopolitischer Spannungen eine bemerkenswerte Stabilität gezeigt. Welche Faktoren treiben diese Resilienz aktuell – makroökonomische Bedingungen oder strukturelle Nachfrage?

Es handelt sich hier primär um strukturelle Nachfrage. Das makroökonomische Umfeld wirkt eigentlich eher als Gegenwind für Risikoanlagen, dennoch ist Bitcoin seit Beginn von „Operation Epic Fury“, also den US-Operationen im Iran seit Februar, um über 20 Prozent im Wert gestiegen. Das deutet darauf hin, dass Bitcoin zunehmend die Rolle eines Absicherungsinstruments gegen Unsicherheit einnimmt – eine Funktion, die zuvor weitgehend Gold zugeschrieben wurde – oder dass Bitcoin relativ betrachtet attraktiv bewertet erscheint.

Ein näherer Blick zeigt dass die von Bitcoin aktuell gezeigte Stabilität durch eine Kombination aus Verkäufer-Erschöpfung und Kapital mit langfristigem Anlagehorizont getragen: Fünf aufeinanderfolgende negative Monate haben zwangsweise Verkäufer aus dem Markt gespült, der Hebelfaktor (gemessen am Open Interest in Futures) wurde gegenüber den Durchschnitten von 2025 um rund 25 Prozent reduziert, und verbleibend ist vor allem marginale Nachfrage statt neuer Verkaufswellen.

Zum gleichen Zeitpunkt unterstreichen auch die ETF-Zuflüsse diese Dynamik: Seit Jahresbeginn haben BTC-ETFs rund 1,1 Milliarden US-Dollar absorbiert und damit eine anhaltende Angebotsverknappung geschaffen.

Seit Beginn der Spannungen im Nahen Osten hat Bitcoin deutlich zugelegt und viele Risikoanlagen übertroffen. Ist das ein Hinweis auf eine neue Rolle als „Makro-Asset“ oder eher ein temporäres Phänomen?

Die Evidenz spricht für einen strukturellen Wandel und nicht für einen Einmaleffekt: Bitcoin hat sich im März von klassischen Risikoanlagen entkoppelt (Bitcoin +2 Prozent vs. Gold -11,5 Prozent, S&P 500 -4 Prozent, während die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen im selben Zeitraum um rund 11 Prozent zulegte) und diese Entwicklung setzte sich im April fort. Vergleichbare Muster waren bereits während der Silicon-Valley-Bank-Krise zu beobachten.

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Korrelationsdaten bestätigen dies: Die Korrelation zu US-Aktien hat abgenommen, während die Korrelation zu Gold – nach überwiegend negativen Werten bis 2025 – ins Positive gedreht ist. Erste Hinweise auf eine Neubewertung.

Das Ganze hat aber eine Einschränkung: Bitcoin befindet sich weiterhin in einer Übergangsphase als Makro-Asset. Es ist mit einem hybriden Verhalten zu rechnen (teilweise Risiko-Asset, teilweise „Hard Asset“), bis sich die strukturelle Nachfrage vollständig etabliert hat.

Die aktuelle Seitwärtsbewegung wirkt stabilisierend. Handelt es sich um eine Akkumulationsphase oder fehlen dem Markt derzeit Impulse?

Es zeigt sich eine klare Akkumulationsphase und kein Impuls-Vakuum: On-Chain-Daten weisen seit Beginn des Iran-Konflikts an rund 90 Prozent der Tage Nettoabflüsse von Börsen aus. Insgesamt wurden dabei über 50.000 BTC in Eigenverwahrung transferiert – die längste derartige Serie seit der Post-FTX-Erholung Anfang 2023.

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Gleichzeitig akkumulieren große Marktteilnehmer mit hoher Überzeugung. Die Bestände langfristiger Halter liegen nahe Allzeithoch bei etwa 14,69 Millionen BTC, und Strategy hat kürzlich den drittgrößten Bitcoin-Kauf der Unternehmensgeschichte durchgeführt.

Die aktuelle Seitwärtsbewegung im Bereich von 74.000 bis 78.000 US-Dollar lässt sich vor diesem Hintergrund als Konsolidierung nach dem vorherigen Anstieg aus dem mittleren 60.000er-Bereich interpretieren. Sie stellt zugleich einen Test zentraler Widerstände dar und spricht damit eher gegen eine richtungslose Marktphase.

Potenzielle Katalysatoren für eine Fortsetzung der Bewegung sind ebenfalls vorhanden. Dazu zählen ein möglicher Waffenstillstand im Iran, geldpolitische Signale der Federal Reserve, Fortschritte beim CLARITY Act sowie die Einführung neuer ETF-Produkte, die gemeinsam einen Ausbruch nach oben auslösen könnten.

Institutionelle Investoren wie MicroStrategy bauen ihre Positionen weiter aus, während neue Produkte wie Bitcoin-Income-ETFs entstehen. Wie stark prägen diese Entwicklungen die Marktstruktur?

Unternehmens-Treasuries fungieren zunehmend als strukturelle Nachfragebasis, die es in früheren Zyklen so nicht gab. Besonders prägnant ist dabei die Rolle von MicroStrategy (heute unter dem Namen Strategy), das über 815.000 BTC hält und durch programmatische Käufe eine kontinuierliche Nachfrage im Markt erzeugt.

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Auch ETFs haben sich von einem bloßen Narrativ zu einem strukturellen Pfeiler entwickelt. Seit Beginn der Phase, die hier als „Epic Fury“ bezeichnet wird, wurden rund 30.000 BTC – was etwa 2,5 Milliarden US-Dollar entspricht – netto zugeführt, während die Gesamtbestände insgesamt nahe an ihren Allzeithochs liegen.

Darüber hinaus erweitern Produktinnovationen die Investierbarkeit erheblich. Dazu zählen beispielsweise neue Income-ETFs sowie eine zunehmend institutionelle Distribution über große Banken, wodurch zusätzliche Anlegergruppen Zugang zum Markt erhalten.

Im Gesamteffekt heißt das, dass die Marktstruktur deutlich institutioneller geworden ist. Sie wird heute stärker von stabileren Investoren geprägt, weist eine geringere Volatilität durch Zwangsliquidationen auf und verfügt über eine breitere, langfristig orientierte Käuferbasis.

Welche Rolle spielt die globale Liquidität aktuell für die Preisentwicklung von Bitcoin – und wie sensitiv ist der Markt gegenüber geldpolitischen Veränderungen?

Bitcoin reagiert stark auf globale Liquidität und folgt historisch häufig mit zeitlicher Verzögerung der Entwicklung der Geldmenge (M2). Veränderungen in der Liquiditätsversorgung schlagen sich somit nicht unmittelbar, sondern oft erst mit einigen Monaten Versatz im Kursverlauf nieder.

Die aktuelle Situation ist dabei eher atypisch: Die Federal Reserve befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen anhaltendem Inflationsdruck und einer gleichzeitigen Abschwächung des Wirtschaftswachstums. Entsprechend operiert Bitcoin derzeit in einem vergleichsweise restriktiven Zinsumfeld, in dem hohe Finanzierungskosten und geringere Liquidität dämpfend wirken. Eine geldpolitische Lockerung würde vor diesem Hintergrund einen signifikanten positiven Treiber darstellen.

Langfristig wiederum sprechen mehrere strukturelle Faktoren für eine anhaltende Nachfrage. Dazu zählen insbesondere die weltweit steigende Verschuldung, wiederkehrende Bilanzausweitungen der Zentralbanken sowie eine zunehmende geopolitische Fragmentierung. Im Gesamteffekt stärkt dies die Attraktivität nicht-staatlicher Wertspeicher wie Bitcoin.

Die Marke von rund 75.000 US-Dollar gilt als zentraler Widerstand. Welche Auslöser könnten einen nachhaltigen Ausbruch treiben?

Ein entscheidendes Kursniveau liegt derzeit bei rund 78.000 US-Dollar, wo mehrere technische Faktoren zusammenlaufen und damit eine wichtige Orientierungsmarke für den weiteren Verlauf bilden.

Als mögliche Auslöser für eine Bewegung über dieses Niveau hinaus kommen verschiedene Faktoren in Betracht. Dazu zählen insbesondere eine geopolitische Entspannung im Nahen Osten, anhaltend starke Zuflüsse in Bitcoin-ETFs sowie eine lockerere Geldpolitik der Federal Reserve.

Ein klarer Ausbruch über die Marke von 78.000 US-Dollar könnte in der Folge den Weg in Richtung etwa 87.000 US-Dollar ebnen und damit weiteres Aufwärtspotenzial freisetzen.

Alternativ dazu stellt die Kurszone zwischen 62.000 und 70.000 US-Dollar eine aus Marktsicht gesunde Akkumulationsbasis dar, in der sich Angebot und Nachfrage über einen längeren Zeitraum stabilisieren könnten.

Eine aktuelle EZB-Studie sieht Bitcoin noch nicht als Zahlungsmittel etabliert. Bestärkt das die Rolle als „digitales Gold“ oder unterschätzt die Analyse zukünftige Entwicklungen?

Die Einschätzung ist in ihrer Grundrichtung sachlich korrekt, greift jedoch etwas zu kurz. Bitcoin ist nicht primär für den täglichen Zahlungsverkehr optimiert, sondern vor allem für eine zensurresistente Form der Wertübertragung konzipiert.

Der zentrale Use Case liegt entsprechend weiterhin in seiner Funktion als knapper, neutraler Wertspeicher – häufig auch als „digitales Gold“ bezeichnet – und geht mit einer historisch bemerkenswerten Adoptionsdynamik einher.

Zugleich unterschätzt die zugrunde liegende Betrachtung die inzwischen mehrschichtige Infrastruktur rund um Bitcoin. Lösungen wie das Lightning Network oder auch Stablecoins treiben Zahlungsanwendungen bereits deutlich voran, auch wenn diese Entwicklungen nicht auf der Basisschicht von Bitcoin selbst stattfinden.

Im Fazit entspricht die Einordnung als Store-of-Value-Asset damit weitgehend der aktuellen institutionellen Nutzung und spiegelt die tatsächliche Rolle von Bitcoin im heutigen Marktumfeld treffend wider.